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Utes Kritik  Brief Nr. 4 [November 2011]

Tja, was soll ich sagen... Ich bin ehrlich gesagt froh, daß meine Schwiegermutter weit weg wohnt (3 bis 4 Autostunden), denn ihre Liebe zu meinen Kindern ist eine egoistische und erdrückende. Sie hat von Anfang an nie gemerkt, wann sie den Kindern zu viel wurde. Selbst an den schlafenden Säuglingen mußte sie ständig herumfummeln, streicheln, zuppeln. Wenn sie dann heulten, weil sie ihre Ruhe wollten, murkste sie noch mehr an den Kindern herum.

Sie ließ es meinem Sohn (damals 1,5 Jahre) bei klirrendem Frost durchgehen, daß er sich im Buggy die Schuhe und Socken auszog. Ich bekam ihn nach dem Spaziergang mit blaugefrorenen Füßen wieder und dem Kommentar "Ja wenn er die Schuhe halt nicht will...!"

Am Tag der Taufe wollte sie mit dem Kleinen "kurz spazierenfahren" und kam erst nach 2,5 Stunden wieder, als das Fest schon zuende ging. Und auch dann nur, weil der Kleine vor Hunger schrie wie am Spieß. Seine Essenzeit wäre anderthalb Stunden vorher gewesen. Sie hätte ihn halt auch mal für sich haben wollen, war Omis "Argument". Als ob er ihr Eigentum wäre.

Meine Tochter bekam ich nach drei Tagen bei "Omi" mal mit seit eben diesen drei Tagen ungeputzten Zähnen zurück. Der Schmodder klebte schon sichtbar am Zahnfleischrand. "Ach, da haben wir ja gar nicht dran gedacht! Haha, wie lustig!"

Wenn die Kinder nicht an ihrer Hand gehen oder lieber mit mir laufen wollen, setzt sie sie seelisch unter Druck und bläut ihnen immer wieder ein, wie traurig sie die Omi doch damit machen. Desgleichen, wenn die Kinder eine Einladung für ein Wochenende bei Omi ablehnen.

Die Masche mit der emotionalen Erpressung hat sie auch bei ihrem Sohn schon durchgezogen und versucht es noch. Hat schon seinen Grund, daß der weit weg gezogen ist...

Inzwischen wollen die Kinder schon selber nicht mehr zur Omi. Aber die Schuld dafür wird natürlich uns Eltern in die Schuhe geschoben.

Meine Erfahrung ist, daß Großeltern das, was die Kindseltern im Umgang mit dem Kind stört, oft als Nichtigkeit abbügeln und die Wünsche oder Bedenken der Kindseltern nicht ernst nehmen. So nach dem Motto: "Wenn ich das nicht als Problem sehe, dann hat das gefälligst auch keins zu sein!"

Das Grundproblem sind meist Grenzüberschreitungen. Einfach unangemeldet auftauchen. Dem Kind Dinge zu essen geben, von denen die Eltern das nicht wollen. Vor dem Kind schlecht über die Eltern reden ("Hat die böse Mama dir keine Schokolade gegeben? Ja sowas! Komm mal zur Oma, die gibt dir was!" ist da noch die harmloseste Variante. Und die Kindsmutter darf es dann ausbaden, wenn das Kind Verstopfung bekommt...) oder auch emotionale Erpressung des Kindes, wie in unserem Fall.

Die Großeltern sehen darin nur leider keine Grenzüberschreitungen, sondern fühlen sich völlig im Recht. Daß es dann knallt, ist logisch. Daß die Kindseltern irgendwann nicht mehr reden wollen, ist auch klar. Weil sie ja merken, daß die Großeltern eh nur hören, was sie auch hören wollen, und alles andere beleidigt abbügeln.

Beim Stöbern in Eltern- und Familienforen wundere ich mich immer wieder, in wievielen Familien die Verwandtschaft zu glauben scheint, man hätte seine Kinder als Spielzeug für die Familie in die Welt gesetzt und gleich anschließend Umgangs-, Sorge- und Aufenthaltbestimmungsrecht an die Verwandten abgetreten.

Wo dann vornehmlich von den Großeltern Besuche regelrecht eingefordert werden, mit dem Argument, sie hätten ja “ihr” (haha!) Kind schon so lange nicht mehr gesehen und man müsse es jetzt gefälligst mal wieder vorbeibringen. Ganz egal, ob die junge Familie die Freizeit eher mal für sich selbst bräuchte oder die Mutter gar noch im Wochenbett ist. Am besten soll man auch gleich den wenige Tage alten Säugling übers Wochenende alleine bei Oma und Opa lassen. Oder ein schlafendes Kind wird unvermittelt und ohne zu fragen aus den Armen der Mutter gerissen und gezerrt, weil Oma oder Tante Erna es jetzt auch mal halten will. Was das Kind möchte oder ihm gut tut, spielt keine Rolle. Als müßten die Eltern die Lütten jederzeit an die Verwandten rausrücken wie eine Leihgabe, die jetzt zurückgefordert wird. Oder es wird argumentiert, die Oma sei doch soooo einsam! Ja und? Sie ist erwachsen und kann bzw. muß dieses Problem selber lösen. Kinder sind keine Therapietiere.

Glauben Sie mir: Die allerwenigsten Eltern entziehen den Großeltern aus reiner Boswilligkeit die Enkelkinder, sondern weil sie selber das Gefühl haben, daß die Großeltern den Kindern nicht guttun. Oder auch, weil sie selber von den Großeltern mit Verachtung gestraft werden und befürchten müssen, ihre Kinder würden von den Großeltern gegen sie aufgehetzt. (So eine Kandidatin ist meine Schwiegermutter z.B.) Meistens gibt es sehr gute Gründe, wenn die Eltern sich mit den Enkeln von den Großeltern fernhalten. Gründe, die den Großeltern natürlich nicht gefallen, über die sie aber mal dringend nachdenken sollten. Es ist oft Selbstschutz, Schutz der Privatsphäre, Schutz der rar gewordenen Freizeit, Schutz der eigenen Würde und Autorität als Mutter oder Vater.

Bitte hören Sie Großeltern Ihren Kindern dann auch mal ernsthaft zu, und spielen Sie nicht gleich die beleidigte Leberwurst, wenn die Wünsche der Kinder von dem abweichen, was Sie für richtig(er) halten würden. Das tötet jeden Dialog - und somit auch irgendwann das Verhältnis zu den Enkeln.

Was das Kindeswohl angeht, habe ich die Gesetzeslage so verstanden: Umgangsrecht wird nicht den Großeltern eingeräumt, sondern dem Kind(!!!). Und auch das nur, wenn die Großeltern nachweisen können, daß bereits ein gutes Verhältnis zum Kind bestanden hat, welches nun auf Kosten des Kindes zu zerbrechen droht. Ein Enkelkind, das seine Großeltern nur selten sieht oder noch gar nicht kennt, fällt meistens gar nicht in diese Kategorie. Da haben die Großeltern dann eben das Nachsehen. Das mag für selbige traurig sein, aber für das Kind stellt das objektiv keinen Verlust dar, da ja gar keine innige Bindung bestand.

November 2011
Die Verfasserin ist uns bekannt.