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Die Situation von Trennungskindern in Deutschland   [Quelle agens e.V., 20. Februar 2012]

1.1. Trennung der Eltern bedeutet meist auch Trennung für das Kind

Jedes Jahr werden in Deutschland rund 200.000 Ehen geschieden. Und es wird längst prognostiziert, dass die Alltäglichkeit von getrennt lebenden Eltern die Zukunft der Familie ausmachen wird. Neben 400.000 Erwachsenen sind davon jährlich 150.000 Kinder betroffen.

Mehr als 400 Kinder werden täglich durch Scheidungsurteile von einem Elternteil getrennt. Die Gesamtzahl der Trennungskinder liegt wesentlich höher, denn die Zahl der Trennungen innerhalb der Lebenspartnerschaften ist nicht bekannt. Aber schon 400 Kinder sind eine unfassbare Zahl. Das sind fast 15 Schulklassen jeden Tag! Ein Phänomen: Die Scheidungskinder sind für die Öffentlichkeit schlicht nicht existent. Diese Kinder werden mit ihrem Schicksal allein gelassen. Naturgemäß können sie sich dagegen auch nicht wehren. Sie werden von der Erwachsenenwelt – häufig auch von ihren eigenen Eltern – als Objekte behandelt. Das Kind will auch gar nicht wissen, warum seine Eltern sich getrennt haben, warum Mutter jetzt arbeiten gehen muss. Es fühlt nur: Ich bin allein. Meine Mutter bringt mich in die Kita. Und: Wo ist Papi?

Seltsam. Moderne Eltern geben ihren Kindern Wahlfreiheit bei alltäglichen Fragen, was es trinken, was es anziehen möchte usw. Aber die entscheidenden Fragen, die das "Kindeswohl" betreffen, stellt im Scheidungsfall das Jugendamt: Bei wem möchtest Du bleiben? Das kommt ins Protokoll – wenn überhaupt.

1.2. Situation für die Kinder bei Trennung der Eltern

Immer mehr Eltern gelingt nach einer Trennung – gegebenenfalls mit Hilfe entsprechender Beratungsangebote – ein fairer Ausgleich im Interesse der Kinder. Aber viele Eltern verstehen es noch nicht, mit ihren Gefühlen angesichts des Scheiterns der Beziehung so umzugehen, dass ein konstruktives Miteinander zum Wohle der Kinder möglich ist. Ausziehende Elternteile wissen häufig nicht, dass es besser für das Kind ist, wenn sie sich weiterhin in die Erziehung einbringen. In der Folge ziehen sie sich immer mehr zurück. Neue Familien werden gegründet, neue Kinder entstehen, meist ohne die letzte Beziehung richtig aufgearbeitet zu haben. Oft bricht der Kontakt zum Kind aus der alten Beziehung spätestens nach 1-2 Jahren völlig ab. Andererseits werden Kinder als Waffen im Kampf gegen den Ex-Partner missbraucht und emotional unter Druck gesetzt. Auch dies führt häufig zur erheblichen bis völligen Kontakteinschränkung der Kinder zum betroffenen Elternteil.

In strittigen Fällen schränken auch Gerichte und Behörden – trotz seit vielen Jahren verfügbarer wissenschaftlicher Erkenntnisse, die etwas ganz anderes raten – mit Verweis auf das Kindeswohl noch immer das Umgangsrecht eines Elternteils ein und zementieren damit erst eine asymmetrische Machtstruktur zwischen den Eltern, die eine Verständigung und Kooperationsbereitschaft zwischen ihnen weiter behindert. Unter solchen Bedingungen wird die Chance für die Kinder, beide Eltern im gewohnten Maße für ihr Aufwachsen zu bewahren, stark reduziert. Was für Erfahrungen gewinnen diese Kinder für ihr späteres Leben? Durch dieses "Behandeltwerden" zerbricht ihr Urvertrauen. Sie werden einer ihrer wichtigsten sozialen und emotionalen Basis entfremdet. Solche Kinder verbindet wenig mit Verlässlichkeit, Rücksichtnahme - geschweige denn Liebe.

Diese unterschiedliche Wahrnehmung unserer Gesellschaft ist irritierend. Auf der einen Seite lesen wir die Berichte und Bilder über allein erziehende Mütter. Selbst ein Hund im Tierheim erhält heute eine hohe mediale Aufmerksamkeit. Das bewirkt Mitgefühl. Und auf der anderen Seite: Die Scheidungskinder, sie werden allein gelassen. Sie bekommen einfach keine Gelegenheit, in der Gesellschaft ein Bewusstsein für Ihr Schicksal zu erzeugen. Und das, obwohl es eine Kinderkommission im Bundestag, obwohl es Jugendämter und sogar ein Familienministerium gibt. Und obwohl das "Kindeswohl" eine wichtige, allerdings nur formale Rolle bei Scheidungsprozessen spielt.

Forscht man nach den Ursachen für solches fehlendes Mitgefühl in unserer Gesellschaft, gerät man unversehens auf glattes Parkett: Für unseren gelebten Narzissmus sind Scheidungskinder ein Tabu, quasi missliche Begleitschäden einer selbstbestimmten Gesellschaft. Eine solche Gesellschaft hat kein Interesse, sich näher Gedanken zu machen über die Folgen ihres Tuns – geschweige denn die Spätfolgen. Und die sind eigentlich längst erkennbar.

Die Scheidungs- und Trennungsfolgen gehören zu den großen politischen Tabuthemen unserer hedonistisch geprägten Gesellschaft. Die Erwachsenenwelt will die Folgen nicht wahrhaben, man müsste eventuell seinen Lebensstil, seine Selbstbestimmtheit ändern. Sich scheiden lassen, sich zu trennen gehört mittlerweile zum alltäglichen Lebensumfeld, die Patchwork-Familien werden von den Erwachsenen mit Zweck-Optimismus schön geredet. Und die Kinder? Sie schweigen.

1.3. Spätfolgen für die Kinder und die künftige Gesellschaft

Ein Kind erlebt sich als Einheit mit beiden Eltern. Es hat nicht Mama oder Papa lieber und will sich auch nicht für einen entscheiden müssen, weil das immer eine Entscheidung gegen den anderen wäre. Die Trennung der Eltern erlebt es als traumatisches Ereignis, als Katastrophe. Die Fundamente seines bisherigen Lebens werden grundlegend erschüttert. Kinder entwickeln oft Schuldgefühle und fühlen sich zudem vom ausziehenden bzw. ausgegrenzten Elternteil verlassen. Neben dem Verlust eines geliebten Elternteils sind auch andere emotionale und soziale Lebensbezüge betroffen (z.B. Großeltern und Freundschaften).

Vaterlosigkeit bei:
90% aller jugendlichen Straftäter
90% aller Ausreißer und obdachlosen Kinder
85% aller jugendlichen Häftlinge
(Daten aus den USA)

Wenn eine intensive Beziehung zu beiden Elternteilen erhalten bleibt, verliert die Trennung jedoch bald ihren Schrecken. Leider ist das in Deutschland noch nicht der Normalfall. Oft bleibt dem Kind nicht einmal der Raum für Trauer um den verlorenen Elternteil, seine Gefühle werden nicht erkannt, ignoriert oder sogar verboten. Spätfolgen solcher unbewältigter Verlustsituationen sind häufig seelische und psychosomatische Störungen, selbstverletzendes Verhalten, Beziehungsstörungen, soziale Auffälligkeiten bis hin zur Kriminalität, Leistungsversagen, kognitive Defizite und psychosexuelle Identitätsprobleme. Bei über 2/3 der Kinder in psychischen Kliniken wird "Scheidungsfolgen" diagnostiziert. Rund 80% der kriminellen Jugendlichen stammen aus unvollständigen "Familien".

Kinder mit Elterntrennung (und Vaterlosigkeit) im Vergleich zu "normalen" Familien:
Suizidrate 5-fach höher
Drogenrate 10-fach höher
Kriminalitätsrate 20-fach höher
Schulabbruch 3-fach höher
Teenagerschwangerschaften 5-fach höher

Dies bedeutet in der Konsequenz für die Gesellschaft eine zunehmende finanzielle Belastung für die Krankenkassen und zugleich weniger leistungsfähige, produktive und aktiv partizipierende Träger des Staates. Dies ist insbesondere unter den Bedingungen des sich vollziehenden demografischen Wandels ein hohes materielles Risiko für eine Demokratie.

1.4. Unmittelbare individuelle und gesellschaftliche Konsequenzen

Auch an den ausgegrenzten Elternteilen geht der Verlust ihrer Kinder nicht spurlos vorüber. Die Zerstörung des Kontaktes zum eigenen Kind führt oft zu Depressionen und psychosomatischen Krankheitsbildern, die wiederum den Verlust der heutigen Leistungsfähigkeit und des Arbeitsplatzes mit sich führen können und damit die Möglichkeit einschränken, die finanzielle Verantwortung für das Kind und sich selbst zu tragen.

Aufwachsen der Kinder:
30% in nicht ehelichen Verhältnissen
25% in 1-Eltern-Familien (85% bei der Mutter)
50% aller Väter verlieren den Kontakt (nach 2 Jahren)

Auch die alleinerziehenden Elternteile geraten in eine schwierige finanzielle Situation, die sie zugleich bei der Erziehung der Kinder behindert und sind häufig auf staatliche Unterstützung angewiesen. Damit einher geht die Erhöhung dafür notwendiger öffentlicher Ausgaben sowie die Einschränkung staatlicher Einnahmequellen, die selbst den heutigen Möglichkeiten z.B. einer weiteren (präventiven, kostengünstigen statt intervenierenden) Förderung unserer Kinder als den künftigen Leistungsträgern unserer Gesellschaft entgegensteht.

Ziele

Ob einem Kind nach einer Trennung der Eltern auf dem Weg ins Erwachsenwerden dauerhaft beide Eltern erhalten bleiben, ist kein Zufall. Es hängt von gesellschaftlichen Werten und einer bewussten Öffentlichkeit, von der Vernunft und Kooperationsbereitschaft der Eltern, aber insbesondere auch von den rechtlichen Rahmenbedingungen, der Ausbildung von Beratern und Entscheidern im Sorge- und Umgangsrecht sowie von passenden Unterstützungsangeboten ab. Daher muss es das Ziel sein, Tabus endlich zu brechen und die Trennungskinder als die schwächsten Glieder in den Mittelpunkt der Diskussion zu stellen sowie die gesellschaftlichen Konsequenzen aufzuzeigen. Neben Eltern und Öffentlichkeit sollen auch politische Entscheidungsträger und die relevanten sozialen und juristischen Institutionen stärker für die Problemlagen sensibilisiert sowie Alternativen zur heutigen Praxis stärker aufgezeigt werden.

Alle Fenster mit statistischen Angaben siehe Sammelband "Schlagseite – MannFrau kontrovers" von Hrsg. E. Kuhla