Sie befinden sich hier: Wissenswertes > Fundstücke / Ratgeber


Zum Glück gibt es Großeltern - oder?  
[Doris Witzmann, Präsidentin der Katholischen Aktion Salzburg,
Dipl. Erwachsenenbildnerin, Referentin des Katholischen Bildungswerkes und des Eltern-Kind-Zentrums Salzburg im Bereich ElternWerkstatt, Frauenbildung, Ehe, Familie und Partnerschaft]

Das Phänomen ist bekannt: Großeltern werden immer jünger, sie sind aktiv, erfahren, weltgewandt und stehen meist noch, beziehungsweise mitten im Berufsleben. Und sie passen kaum noch in das klassische Oma/Opa-Bild oder in gängige Kinderbuchklischees. Die Vorstellung von einer Oma mit grauem aufgestecktem Haar, Strickzeug in der Hand und schlafender Katze zu Füßen oder einem Opa mit Zeitung und Pfeife gemütlich im Ohrensessel sitzend wirkt wie ein vergilbtes Foto aus längst vergangener Zeit.

Die Wiederentdeckung der Großeltern:
Bis in die frühen 90er Jahre hinein wollten viele Großeltern nicht mit „Oma/Opa“ sondern mit ihrem Vornamen von den Enkelkindern angesprochen werden. In den letzten Jahren entwickelten sie ein neues Selbst-Bewusstsein und damit vielfältige Möglichkeiten die Großelternrolle zu gestalten oder auch offen über die Sehnsucht nach einem Enkelkind - bzw. über die Trauer, wenn es keines gibt - zu sprechen. Auf Grund komplexer Arbeits- und Lebenssituationen der Eltern finden sich vor allem Großmütter mehr denn je in der Rolle der „Familien-Feuerwehr“, als Oma und /oder Opa auf Abruf, (fast) jederzeit bereit einzuspringen. Sie stellen eigene Bedürfnisse zurück, tun so ziemlich alles für das Wohl ihrer Kinder, Schwiegerkinder und Enkel - manchmal sogar ein bisschen zuviel!

Die „Weihnachts-Oma“ und der „Geburtstags-Opa“ treten - fallweise mit teuren Geschenken - zu kurzen Besuchen bei besonderen Anlässen auf; sei es weil sie nicht viel mit den Enkelkindern anzufangen wissen, sei es, dass die räumliche Distanz einfach zu groß ist. Zunehmend sind „O-Mama“ und „O-Papa“ gefragt: als Tages-Großeltern übernehmen sie regelmäßig Erziehungsverantwortung, wenn Eltern berufstätig oder alleinerziehend sind.

Die „Freizeit -Großeltern“ (bis hin zu „fun and action - Großeltern“) genießen es, selbstbestimmt mit den Kindern etwas zu unternehmen und dabei nicht als Autoritätsperson auftreten zu müssen. Sie freuen sich, wenn sie sozusagen als „Senior - Experten“ mit ihren Kenntnissen und Fähigkeiten bei den Enkelkindern und vielleicht sogar bei den eigenen Kindern gefragt sind. Wechselseitig bauen „Leih-Omas“, „Leih-Opas“ und die neue Wahl-Familie gute, hilfreiche Beziehungen auf, wenn die leiblichen Großeltern, aus welchen Gründen auch immer, ausfallen. In Kindergärten sind Großeltern mit ihrem Erzähl- und Erfahrungsschatz gern gesehene Gäste.

Warum Großeltern und Enkelkinder so wichtig füreinander sind:
Großeltern sind nicht nur willkommene Babysitter und Not-Helfer bei Elternüberlastung. Es gibt auch eine eigenständige Beziehung zwischen Oma, Opa und Enkel, Enkelin: für beider seelisches Wohlbefinden spielt der andere eine lebensnotwendige Rolle. Meist sind Großeltern wohlwollende Begleiter, im Kontakt mit den Enkelkindern lockerer, geduldiger, fehlerfreundlicher und gelassener als sie es mit den eigenen Kindern waren. Und sie haben vor allem mehr Zeit! Unter anderem zeigen sie dadurch Enkelkindern eine positive Zukunftsperspektive nach dem stressigen Lebensabschnitt der Eltern (bedingt zum Beispiel durch Berufsauf- und -ausbau, Wohnraumbeschaffung, finanzielle Unsicherheiten, Beziehungskonflikte usw.).

Im Gegenzug erleben Großeltern ihre Enkelkinder als aufmerksame Zuhörer, fröhliche und/oder bewundernde Mitmacher, phantasievolle Überraschungsgäste, manchmal auch im guten Sinn des Wortes „mitreißend“ und „ansteckend“. Beide genießen in diesem Miteinander das „Sein“ im hier und jetzt, erleben wohltuend so etwas wie „Verlangsamung“ und entdecken gemeinsam die so genannten „kleinen Dinge“ und können Freude und Zuneigung einander noch unbefangen zeigen.

Großeltern sind aber auch Vermittler von alltäglichen oder schon fast vergessenen Fertigkeiten. Sie lassen Enkelkinder in der Küche oder Werkstätte experimentieren, im Garten, Keller und Dachboden Neues entdecken und sind oft auch die geduldigeren Helfer bei Hausaufgaben oder die neutraleren Ratgeber bei kleineren und größeren Problemen.

Großeltern sind ein bedeutendes Bindeglied zur (weiter entfernten) Vergangenheit: Die Bitte, „Erzähl mir, wie es war als Mama/Papa noch klein waren“, ist eine Voraussetzung, um Geschichtsbewusstsein zu entwickeln, das Gefühl für Zeit und Kontinuität zu festigen. Das Erzählen von der guten - und unguten - alten Zeit ermöglicht Verstehen der Gegenwart und des eigenen Gewordenseins. Das Wissen um die (Herkunfts-)Familie gibt Orientierung und Stabilität für spätere Lebensbezüge.
Und es bedeutet auch, erste Erfahrungen zu machen/machen zu müssen mit Krankheit, Endlichkeit und Tod.
Großeltern sind Werte- und oft auch Glaubensvermittler: bewusst und unbewusst, reflektiert aber auch unreflektiert geben sie (Familien-)Traditionen, Wertevorstellungen und Glaubensüberzeugungen weiter. Es sind sensible Bereiche, in denen sich Konflikte zwischen Eltern und Großeltern aufbauen können! Ebenso, kann das Thema „Erziehung“ zum Zündstoff werden, denn:

Großeltern sind Miterzieher
aber hoffentlich im guten Gespräch/Kontakt mit den Eltern über Erziehungsvorstellungen. Dabei gilt grundsätzlich:
sich nicht gegenseitig von den Kindern ausspielen lassen, denn Kinder müssen wissen, wer ihnen was zu sagen hat und wo welche Regeln gelten.

Ideale Gegebenheiten - oder?
Kinder fordern Großeltern und Eltern heraus, ihre - erwachsene - Beziehung weiter zu entwickeln, nicht um eines Scheinfriedens willen halbherzig Kompromisse zu schließen oder darauf zu warten, dass sich Probleme (irgendwann) von selbst lösen. Sonst könnten über den „Umweg Enkelkind“ oder noch schlimmer, auf dem Rücken des Enkelkindes Nähe-Distanz Probleme, unterschiedliche (Rollen-)Erwartungen, nicht vollzogene Ablösung, Rivalitäts- oder Machtkämpfe ausgetragen werden.
Eine offene, wertschätzende, respektvolle, konstruktive Gesprächs- und Konfliktkultur innerhalb der Familie und zwischen den Generationen ist positives Vor-Bild und „Mitgift“. Es ist Weitergabe von hilfreichem Lebenswissen an das Enkelkind und somit eine Chance für eine gute Verwurzelung im Leben.