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Wir waren einmal eine liebevolle Familie  [Hamburger Abendblatt "von Mensch zu Mensch", 23.05.2009]

"Eine heile Welt", so die Dipl.-Psych. Frau Prof. Dr. E. Müller-Luckmann, "hat es wohl nie gegeben. Konflikte innerhalb der Familie werden meist auf Schlammfeldern ausgetragen."

Es ist so grausam, wie zerstritten unsere Familie ist und unversöhnlich. Mein Mann und ich sind hilflos. Es muss doch einen Weg geben für einen Neuanfang. Wir waren doch liebevoll miteinander verbunden.

Unser Sohn, Ende 30, ist zusammen mit seinen zwei Schwestern wohlbehütet und im Wohlstand in unserer Familie aufgewachsen. Wir haben unseren Kindern eine gute Erziehung und Ausbildung zukommen lassen. Alle drei haben studiert, zwei sind verheiratet, haben Kinder, unsere Enkelkinder, die die große Freude in unserem Leben sind. Sie waren immer gern bei uns. Im Sommer sind wir mit ihnen an die See, im Winter in die Berge gefahren.

Mein Mann und ich hätten nie für möglich gehalten, dass sich einmal in unserer Familie so eine "Schlammschlacht" entwickeln könnte, wie es jetzt seit fünf Monaten der Fall ist. Auslöser war ein großes Familienfest, zu dem unsere jüngste Tochter wieder ausgeladen wurde, als sie ihren Lebenspartner mitbringen wollte, der meiner Schwiegertochter nicht zusagt. Das wurde unserer Tochter auf sehr unschöne Weise mitgeteilt. Daraufhin war ich so erbost, dass ich sofort zu meiner Schwiegertochter fuhr und sie beschimpfte, wie gerade sie, die nun wirklich aus "kleinsten Verhältnissen" käme, sich das Recht herausnehme, meine Tochter auszuladen.

Seitdem ist der Kontakt total abgerissen. Das Schmerzlichste, wir dürfen die Enkelkinder nicht mehr sehen. Ich habe mich mehrfach ausgiebig bei meiner Schwiegertochter entschuldigt, aber sie und mein Sohn sind unversöhnlich. Ich kenne meinen Sohn nicht wieder, in unflätiger Weise hat er mich mit Worten sehr gekränkt und verletzt.

Mein Mann und ich sind verzweifelt, was können wir denn bloß noch tun, um den für uns kaum noch auszuhaltenden Streit zu beenden? Emmi S. (70)

Es antwortet Dipl.-Psychologin Prof. Dr. E. Müller-Luckmann:

Familienkonflikte werden, obwohl man es nicht wahrhaben will, meist mit scharfen Waffen auf Schlammfeldern ausgetragen. Eine heile Welt, das lehren uns schon Berichte aus der Antike, hat es auf diesem Gebiet wohl nie gegeben, auch die idyllischste Romanze täuscht nicht darüber hinweg. Da hat man entweder nie zueinander gepasst, hat rivalisiert und vermeintliche oder wirkliche Rechte gestattet, hat über das vielleicht gelernte, so genannte gute Benehmen verstoßen und glaubt dann auch noch optimistisch, mit einer Entschuldigung sei alles aus dem Weg geräumt. Aber innerhalb des sozialen Nahraumes ist es eben oft schwierig, Differenzen auszuhalten, noch schwieriger, sie auszugleichen, um zu einem liebenswerten Miteinander zu gelangen. Gerade Menschen, die von Natur aus dazu bestimmt scheinen, harmonisch aufeinander Rücksicht zu nehmen, ufern gelegentlich am eindrucksvollsten aus. Aber leider haben wir eben nicht nur "Wahlverwandte", sondern auch natürliche Bezugspersonen, die uns oft genug deshalb "nicht passen", weil sie uns zu ähnlich sind. Im Grunde sind wir alle voller Narben, die manchmal jahrelang gebraucht haben, um sich aus schlimmen Wunden zu entwickeln und viele, die immer noch schmerzen, weil wir sie einfach nicht vergessen können. Kein Menschenleben ist frei davon, niemand kommt ohne Verletzungen, Beeinträchtigungen des Selbstgefühls und andere schlimme Erinnerungen davon, wirklich niemand. Aber wir weigern uns hartnäckig, dieser Realität ins Auge zu blicken und zu erkennen, dass wir mit vielem, was sich an Konfliktstoff im Laufe eines Lebens angesammelt hat und nicht verarbeitet worden ist, klarzukommen. Wir tun das Unsere dazu, um an vorstellbaren Konflikten fleißig mitzustricken. Wie heißt ein leider allzu wahrer Spruch: "Es gibt kein größer Leid, als wat der Mensch sich selber andeit". Eine simple und doch zugleich unwiderlegbare Wahrheit. Irgendwann kommt für jeden die Stunde der möglichen Einsicht in diese Art von Mechanismen, deren man nach dem Motto "erst denken, dann reden" eine Verhaltensänderung in Gange setzen kann.

Es ist so leicht und scheinbar so entlastend, seinen Affekten ungehemmten Lauf zu lassen, alte Rachebedürfnisse zu befriedigen, und es den Menschen ungebremst zu zeigen, was sich da an Strafbedürfnis aufgestaut hat.

Nur der Sprung über den eigenen Schatten kann über unsere überzogenen Ich-Ansprüche hinwegsehen. Er ist gleichzeitig beispielhaft für eine dauerhafte Befriedung und beispielgebend für unsere Mitmenschen. Gleichzeitig ein Mittel, sich selbst nicht fälschlich als Mittelpunkt des Universums zu erleben. Prinzipiell ist der Mensch, solange er lebt und halbwegs klaren Geistes ist, ein Wesen, das lernfähig bleibt.

Was geschehen ist, können Sie nicht rückgängig machen. Aber geben sie nicht auf. Versöhnlichkeit ist eines der höchsten Güter im Leben. Allerdings müssen Sie weiter mit Rückschlägen der "Rache" rechnen. Denn offenbar ist die andere Seite alles andere als versöhnlich gestimmt.