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Dürfen Großeltern miterziehen?  [Bayrisches Fernsehen, "Wir in Bayern", 23.11.2010]

Eltern reagieren oft sehr empfindlich, wenn sich die Großeltern ungefragt in die Erziehung ihrer Kinder einmischen. Häufig kommt es deswegen zum Streit. Tipps von unserem Familienexperten Dipl. Psych. Hans Dusolt, wie Sie diese Konflikte zur Zufriedenheit aller Beteiligten lösen können.




Warum reagieren Eltern oft empfindlich, wenn sich die Großeltern in die Erziehung einmischen?

Eine Ursache dafür, dass Eltern wütend werden, wenn Großeltern ungefragt "gut gemeinte" Erziehungsratschläge geben, ist oft in der eigenen Kindheit zu finden. Die jungen Eltern fühlen sich durch die Kritik an ihrem Erziehungsstil wieder zu kleinen, unwissenden Kindern degradiert, die für einen Fehler getadelt werden. Dadurch werden sie verunsichert, geraten unter Stress und werden sauer.

Die Einmischung in die Erziehung wird als umso schlimmer empfunden, wenn die jungen Eltern (bewusst oder unbewusst) den Erziehungsstil der Großeltern ablehnen und beim eigenen Kind alles besser machen möchten.

Wenn die Großeltern ein schlechtes Gewissen haben und an den Enkelkindern das wieder gut machen wollen, was sie bei ihren eigenen Kindern verpasst bzw. falsch gemacht haben, werden die Eltern nicht selten eifersüchtig.

Was kann man tun, wenn sich die Eltern ständig in die Erziehung einmischen?

Wenn sich die Großeltern ständig ungefragt in die Erziehung einmischen, sollte eine offene Aussprache erfolgen. Damit diese zum gewünschten Erfolg führt, sollten sich die Eltern darüber klar werden, warum es sie stört, wenn sich die Großeltern einmischen, z. B. aufgrund früherer Erfahrungen, Unsicherheit oder Überforderung. Zudem sollten sie sich bewusst machen, dass die Großeltern, auch wenn sie ihre Kritik manchmal undiplomatisch oder sogar verletzend anbringen, im Grunde genommen helfen und die jungen Eltern vor unnötigen Fehlern bewahren möchten. Wenn sie sich also in die Erziehung einmischen, dann nicht aus Bosheit, sondern im Gegenteil, weil ihnen das Wohl der Enkel und deren Eltern am Herzen liegt.

Wie können Großeltern die Erziehung der Enkel konstruktiv unterstützen?

Auch wenn es manchmal nicht den Anschein hat, legen die Eltern in der Regel durchaus Wert auf die Erfahrung der Großeltern. Aber die Ratschläge sollten nie ungefragt und vor allem nicht belehrend vorgebracht werden. Und wenn sich Großeltern und Eltern nicht einigen können, hat die Meinung der Eltern Vorrang, denn diese tragen die Verantwortung.

Wenn Großeltern der Meinung sind, dass etwas Gravierendes in der Erziehung falsch läuft, sollten sie sich an eine Erziehungsberatungsstelle wenden, um mit Hilfe eines Experten zu klären, ob tatsächlich etwas falsch läuft, oder ob der Erziehungsstil nur heute ein anderer ist.

Die wichtigste Regel für Eltern und Großeltern lautet: Kritisieren Sie nie den Erziehungsstil des anderen vor den Kindern!

Dürfen Großeltern verwöhnen?

Es ist völlig in Ordnung, wenn Enkelkinder bei den Großeltern Dinge machen dürfen, die zu Hause nicht erlaubt sind, bzw. für die die Zeit fehlt. Die Sorge, dass die Großeltern die Enkelkinder "verziehen", ist in der Regel unbegründet, da Kinder schon sehr früh zwischen Alltagsregeln und Ausnahmen unterscheiden können. In wichtigen grundsätzlichen Erziehungsfragen sollten Großeltern und Eltern sich jedoch einig sein. Die Eltern sollten den Großeltern freundlich aber bestimmt sagen, worauf sie großen Wert legen und was sie auf keinen Fall tolerieren können. Auf keinen Fall dürfen Großeltern das Enkelkind heimlich verwöhnen und verlangen, dass es den Eltern nichts davon sagt, denn das bringt das Kind in einen Gewissenskonflikt.

Sondersituation "Alltagsgroßeltern": Großeltern, die ihre Enkel täglich sehen, sollten sich mit dem Verwöhnen zurückhalten, denn dann hat dieses nicht mehr den Status einer Ausnahme.

Darf man das Enkelkind gegen den Willen der Eltern bestrafen?

Großeltern dürfen nur in Absprache mit den Eltern erzieherische Konsequenzen ausüben, da Großeltern und Eltern in wichtigen Erziehungsfragen an einem Strang ziehen sollen.

Fazit

Großeltern dürfen "miterziehen", aber nicht "gegenerziehen". Das letzte Wort haben immer die Eltern, da sie für die Kinder die Verantwortung tragen.