Sie befinden sich hier: Wissenswertes > Buchtipps



Funkstille - Wenn Menschen den Kontakt abbrechen  [Tina Soliman]

»Funkstille« ist ein Wort aus der Schifffahrt. Die Funkstille ist Schweigen, in das hinein ein Notsignal gesendet wird. Das verschlüsselte Signal offenbart, dass etwas nicht in Ordnung ist. Es ist ein Hinweis auf eine Störung, hinter dem alles Andere zurückstehen muss, damit er nicht überhört wird. Übertragen auf die menschliche Kommunikation könnte man sagen: Die Funkstille ist ein Appell, der besagt: »Bitte höre, was ich nicht sage!«.

Schweigen kann töten, schweigen kann heilen, schweigen lässt Raum für Missverständnisse, Schweigen kann aber auch schützen.

Die Funkstille ist eine massive Kommunikationsstörung, und doch gibt es keine Experten, Psychiater, Therapeuten oder Analytiker, die sich speziell mit diesem Thema beschäftigen. Es gibt Fachleute, die schizoide oder narzisstische Persönlichkeitsstörungen behandeln. Aber Menschen, die Kontaktstörungen haben, sind nicht unbedingt psychisch krank! Menschen, die Angst vor Nähe haben, die als Kind nicht beachtet, die in ihrem Leben zu häufig verletzt wurden, deren seelisches Rückrat durchgescheuert ist, sind nicht verrückt! Sie haben vielleicht einfach keine Kraft mehr, sich zu erklären oder keine Lust mehr zu diskutieren. Manchmal ist die Verzweiflung so groß, dass Menschen sich ein neues Leben suchen müssen und Beziehungen einfach abreißen lassen. Ein anderes Mal ist die Scham so groß, dass man am liebsten im Boden versinken und sich im Luft auflösen will. Dann wieder ist die Wut so groß, dass man durch sein Schweigen bestrafen will, manchmal gar vernichten will, weil der Andere zu unsensibel, zu laut, zu dominant war.

Die Ohnmacht des Verlassenen aber, die Fassungslosigkeit und, ja, auch Wut des Verlassenen, weiß der Abbrecher darum? Die Funkstille passierte aus heiterem Himmel, sagen Verlassene. Vielleicht hat der Abbrecher ja sogar über die Entscheidung nachgedacht, aber der Verlassene war nicht beteiligt. Es muss ihm also abrupt vorkommen!

Kann Schweigen deutlicher sein als die zuvor in vielen Gesprächen und Auseinandersetzungen gefundenen Worte?

Wer schweigt, schafft Distanz, hat Macht. Aber was hat man davon? Die Funkstille ist auch eine Krise der Selbsttäuschung. Beide, Abbrecher und Verlassener, sind letztendlich Opfer und Täter zugleich.

Tina Soliman (* 1966) ist Journalistin, Autorin und Regisseurin. Sie volontierte bei der »FAZ«. Seit den 90er-Jahren hat sie preisgekrönte TV-Dokumentationen für die ARD und das ZDF realisiert. Tina Soliman erhielt u.a. den »6. Marler Fernsehpreis für Menschenrechte« von Amnesty International, den »Katholischen Medienpreis der Deutschen Bischofskonferenz«, die Silbermedaille bei den New York Festivals sowie zahlreiche Nominierungen, u.a. beim 54. FESTIVAL DE TELEVISION DE MONTE-CARLO. Ihre Dokumentationen werden weltweit ausgestrahlt.
Sie arbeitet als regelmäßige Autorin für die ZDF-Sendereihe »37 Grad«, »Die Story im Ersten« (ARD) und für das Politikmagazin »Panorama« (ARD).

ISBN: 978-3-608-94562-1