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Etwa 70 "entsorgte Eltern" demonstrierten am Wochenende in der Innenstadt für mehr
Kinderrechte
Foto: Katharina Berndt


Lüneburg. Für mehr Kinderrechte demonstrierten am Sonnabend "Entsorgte Eltern und Großeltern" in Lüneburg. Die etwa 70 Teilnehmer der Demonstration fordern unter anderem, dass Jugendämter und Richter anders mit Sorge- und Umgangsrechtstreiten umgehen.

Peter Witkowski ist einer der Organisatoren der Demonstration. Traditionell startet sie vor dem Kreisjugendamt. Am Sande gibt es eine Kundgebung von Betroffenen und Organisatoren, dann geht es zum Amts- und Landgericht. "Das ist bereits die dritte Demo in Lüneburg. Trotzdem sieht man immer wieder neue Gesichter", sagt der Vorsitzende der Selbsthilfegruppe "Entsorgte Eltern und Großeltern.". Im Bewusstsein der Bevölkerung sei das Problem von Eltern, die ihre Kinder nicht sehen dürften, nicht angekommen. "Viele denken, bei solchen Problemen wendet man sich ans Jugendamt oder ans Familiengericht. Dass man da scheitert, auch wenn man im Recht ist, ist ihnen nicht bewusst", sagt er.

Er und seine Mitstreiter sind der Ansicht, dass sich nicht nur die Rechtsprechung ändern muss. "Richter und Jugendämter nutzen zurzeit ihre Möglichkeiten einfach nicht aus", sagt er. Der Vater einer 12-jährigen Tochter will, dass das sogenannte Cochemer Modell in ganz Deutschland umgesetzt wird. Dort setzten sich alle Beteiligten, die Familie, das Jugendamt, Anwälte und Psychologe, an einen Tisch. Die Eltern müssten sich einigen. Wer das boykottiere, bei dem werde die Erziehungsfähigkeit angezweifelt. "Es ist wichtig, dass das Kind bei dem lebt, der Bindungstoleranz zeigt und Möglichkeiten schafft, dass das Kind beide Eltern sieht", so Witkowski.

Am vergangenen Donnerstag hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Rechte leiblicher Väter mit einem Urteil gestärkt. Geklagt hatte ein Mann aus Fulda, dem deutsche Gerichte einen Vaterschaftstest und den Umgang mit seinem Sohn verweigert hatten. Das Gericht gab dem Mann Recht und rügte die deutsche Justiz. "Was der Gerichtshof entscheidet ist geltendes Recht, alle nationalen Gerichte müssen sich unmittelbar daran halten", sagt der Lüneburger Rechtsanwalt Peter Luths. Peter Witkowski glaubt nicht daran. "Vor einem Jahr gab es ein ähnliches Urteil, das wird bis heute nicht in Deutschland umgesetzt", sagt er.

Vor dem Jugendamt malen einige Demonstranten Kreidebotschaften auf den Boden. "Anthony, Nicholas. Daddy hat Euch lieb", schreibt der Hamburger Thomas Quast. Er sieht seine beiden Söhne zurzeit zweimal in der Woche. Das soll sich jedoch ändern. "Meine Frau will mit den Jungs zurück in ihr Heimatland, nach Australien", sagt er. Die Gerichte würden diesem Wunsch bisher entsprechen. Quast fühlt sich ohnmächtig. "Ich werde sie dann so gut wie gar nicht mehr sehen", sagt er. Auf der Demonstration in Lüneburg ist er, weil er Präsenz zeigen will. "Das Thema ist sehr wichtig, wir müssen darauf aufmerksam machen", sagt er. Deutschland werde in diesem Punkt außerdem ständig von den Europäischen Instanzen gerügt. "Hier wird gegen Menschenrechte verstoßen", sagt Quast.

Gegen 12.30 Uhr, mit einer halben Stunde Verspätung, setzt sich der Demonstrationszug in Bewegung. "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Kinder klaut", rufen die Teilnehmer. Viele sind Männer. "In 90 Prozent der Fälle wird im Sinne der Mutter entschieden", schätzt Organisator Peter Witkowski.

Auch die abberufene Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Goslar, Monika Ebeling, marschiert mit. Sie hat ihren Posten verloren, weil sie sich für die Rechte der Männer einsetzte. "Ich glaube wir haben nicht nur eine gläserne Decke in den Chefetagen. Es gibt auch eine gläserne Decke in der Rechtsprechung, die wirkt sich negativ für die Männer aus", sagt sie. Das werde sich auch mit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs nicht ändern. Auch sie glaubt nicht an eine schnelle Umsetzung.

Mit bunten Plakaten sind die Teilnehmer aus ganz Niedersachsen und Hamburg angereist. "Gezielte Entfremdung ist Kindesmisshandlung" oder "Nehmt den Kindern nicht die Wurzeln" ist auf ihnen zu lesen. "Auf den Plakaten steht, warum wir hier sind", sagt Silke Feller. Sie ist eine der wenigen betroffenen Frauen. Wie im falschen Film habe sie sich zuerst gefühlt, sagt Silke Feller. "Die Richter sind nicht richtig geschult, egal ob das Männer oder Frauen sind", sagt Silke Feller, "und das Jugendamt glaubt den Lügen meines Expartners." Silke Fellers elfjähriger Sohn kommt alle drei Wochen übers Wochenende zu ihr. Konrad Möller, ihr Lebensgefährte, sieht seine Tochter zwei Stunden in der Woche unter Aufsicht.

Die Lösung sehen beide darin, dass die Jugendamtsmitarbeiter sich in den Familien ein Bild machen. "Sie müssen doch in der Familie sehen, wie der Umgang von Eltern und Kindern ist und wie es sich mit der Bindung verhält", sagt Konrad Möller. Die Moderatorin der Veranstaltung, Heiderose Manthey, fasst die Motivation der Teilnehmer zusammen: "Wir setzen uns öffentlich für unsere Kinder ein. Und selbst wenn wir vor Gericht diesen Kampf verlieren, sehen sie vielleicht wie sehr sie uns am Herzen liegen."