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Kummer mit dem Jugendamt: "Entsorgte Eltern" in Geesthacht  [23.03.2010]




Mindestens neuen Mut hat der Mann mit dem weißen Haar gefasst. Ob er das tun wird, was ihm die anderen geraten haben? „Ich muss noch mal drüber nachdenken,“ sagt er beim jüngsten Treffen der Selbsthilfegruppe „Entsorgte Eltern und Großeltern“ in Geesthacht.


Es ist der dritte Mittwoch im Monat März, und Dorette Kühn ist wieder mit ihrem Kleinwagen in den Geesthachter Dialogweg gekommen. Der Wagen liegt hinten tiefer. Thermoskannen mit Tee und Kaffee hat sie geladen. Geschirr und Kekse.

Großeltern, geschiedene Mütter, Väter ohne Sorgerecht stützen sich gegenseitig, sprechen einmal im Monat über ihre Sorgen in der Geesthachter Oberstadt. Sie fühlen sich ganz unten. Sie haben Kinder und Enkel verloren. Verloren gegen die aus ihrer Sicht wenig einfühlsame Bürokratie und Justiz. Oft bekommen sie die Kinder nie mehr zu sehen.

Frau Kühn hat diesmal den kleineren Raum im ersten Stock zugewiesen bekommen. Und die, die schon da sind, helfen ihr, fehlende Tische und Stühle nach oben zu tragen, Tischtücher auszubreiten, Schälchen fürs Gebäck zu verteilen. Ein ums andere Mal trägt Frau Kühn weitere Körbe nach oben. „Wir wollen es auch mal nett haben“, sagt sie. Selbst eine „entsorgte Großmutter“, die um den Zugang zu ihren Enkeln kämpft. Eine, die diese Gruppe gemeinsam mit Peter Witkowski ins Leben rief. Unterstützt, beraten werden sie von dem Juristen Hartmut Haas aus Hamburg.

Und dann fragt sie den älteren Herrn an der Stirnseite des Tisches, was ihn bewege. Er nimmt zum ersten Mal teil an dieser Selbsthilfegruppe. Er ist mit seiner zweiten Frau gekommen. Von der ersten hatte er sich scheiden lassen – und jetzt wollten seine Kinder nichts mehr von ihm wissen. Inzwischen zwei erwachsene Frauen. „Sie haben den Kontakt mit uns abgebrochen“, sagt der Mann mit brüchiger Stimme. Über 70 ist er – und er liebt seine Kinder doch. „Die Trennung von der Ehefrau wirkt nach“, konstatiert Jurist Haas. Das sei ein typischer Fall, in dem die Kinder nach der Scheidung gewissermaßen aus Selbstschutz die Mutter heroisierten und den Vater für sich selber schlecht machten.

Geduldig haben die anderen der Familiengeschichte zugehört. Gut 20 Leute sind gekommen. Ein jüngerer Vater mit Ohrring, ein etwas älterer Vater, der seit 1999 um das Sorgerecht für seinen an diesem Streit zerbrechenden Jungen kämpft. Eine Frau, die ihr elfjähriges Kind nicht mehr sehen durfte, als sie nach einer Krebsoperation im Krankenhaus lag, sitzt in der Runde. Ein Großelternpaar, das gerade neue Post vom Anwalt ihrer Schwiegertochter bekommen hat. Scheidungen haben diese Familien ins Unglück getrieben, die Verlierer fühlen sich entsorgt, abgeschnitten von denen, die sie lieben.

Durch die Aussprache, durch das Zuhören der anderen werden die Sorgen ein wenig leichter. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Und einmal wird sogar gelacht. Aber das ist nur ein kurzes Aufflackern.

„Wir dürfen uns nicht beugen“, rät Jurist Haas. Einer sagt: „Es geht immer nur um die Durchsetzung der Unterhaltszahlungen.“ Sie machen den Jugendämtern schwere Vorwürfe. Die würde niemand kontrollieren, deren Entscheidungen würden nie hinterfragt. „Der ganze Clan der einen Seite wird vom Umgang mit dem Kind ausgeschlossen“, klagt ein Opa.

Und der Jurist beschreibt die Rolle der Mutter in Deutschland so: „Nur die Mutter zählt.“ Haas ist auch engagiert in der Gruppe „Väteraufbruch für Kinder“. Die Mutter, sagt der Mann neben ihm, gelte immer als „gequälte Seele“. Das sei wie ein Dogma. Und ein anderer ergänzt: „Alles dreht sich immer nur um den betreuenden Elternteil. Der Rest zählt nicht.“

Sie schlagen dem alten Mann an der Stirnseite des Tisches eine Lösung vor. Für den, der seine Mädchen wieder sehen möchte. „Sie müssen über ihren Schatten springen“, rät der Vater mit dem Ohrring. „Sie müssen Frieden stiften.“ Er soll die Kinder zum Essen einladen. „An einem neutralen Ort“, rät der Jurist. Er solle auf seine Kinder zu gehen. Und vor allem soll der Mann „cool“ bleiben, rät Frau Kühn und schenkt nochmal Kaffee nach.

Der alte Herr weiß nicht, ob er so handeln wird. „Ich muss da über meinen eigenen Schatten springen.“ Das Problem kennen sie alle. Aber Jurist Haas weiß, dass in solchen Fällen nichts logisch sei. „Nicht logisch“, sagt er, „aber psychologisch“.

Von Uwe Krog