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Wenn Opa und Enkel unter Familienproblemen leiden    
[Liebe & Familie, 24. Oktober 2011]

Kuddelmuddel in der Familie – hat das auch Folgen für die Beziehung zwischen Großeltern und Enkeln? Ja. Wenn eine Familie auseinanderfällt, leidet auch deren Verhältnis.

Eine Bildergalerie neben dem grünen Kachelofen erinnert an glücklichere Zeiten: die strahlende Enkelin tobend, tanzend, matschend im Garten. "Liba Opa", hat die siebenjährige Klara in ungelenken Lettern an ihren Großvater Gerhard L. (Namen geändert) geschrieben, "ich möchte mal wida zu dir." Am liebsten, soll sie gesagt haben, an fünf Tagen in der Woche. Doch die Abstände, in denen der 69-Jährige die Kleine sehen darf, werden immer länger. "Einmal im Vierteljahr", meinte zuletzt das Jugendamt, sei genug. "Als sie kürzlich eingeschult wurde, habe ich abseits gesessen", sagt der frühere Tierarzt. "Ich bin empört über das, was mit mir gemacht wird."

Die Geschichte ist kompliziert, das "Kuddelmuddel" laut Gerhard L. kaum noch aufzudröseln. Klaras Vater jedenfalls habe sich um das Kind nicht gekümmert. Seine psychisch kranke Tochter habe ihr Leben als allein erziehende Mutter nicht auf die Reihe gekriegt. Da seien er und seine Ex-Frau, von der er seit mehr als 20 Jahren geschieden ist, als Großeltern in die Bresche gesprungen. Gerhard L. hat seine Enkelin als Baby gefüttert und gewickelt, ihr einen abgewrackten Wohnwagen in den großen verwilderten Garten gestellt, wo sie mit ihren Freundinnen aus der Nachbarschaft spielen konnte, wenn sie für ein paar Tage bei ihm war.

Das Aufenthaltsbestimmungsrecht für die Enkelin war der seit langem wieder verheirateten Großmutter zugesprochen worden, womit Gerhard L. einverstanden war. Seit mehr als einem Jahr verweigere seine Ex-Frau ihm aber plötzlich den Umgang mit dem Kind, angeblich wegen zu vieler Termine.

Gerhard L. räumt seine "Neigung zu Depressionen" ein. Rechtsanwälte sind eingeschaltet, das Jugendamt, eine psychologische Gutachterin, eine Berufsbetreuerin, die der Großmutter zur Seite gestellt wurde. Seine Klage um ein eigenes Umgangsrecht hat Gerhard L. erst mal ruhen lassen. "Ich hoffe auf eine außergerichtliche Regelung. Wenn schon die Eltern nicht für sie sorgen, soll Klara wenigstens Großeltern haben, die für sie da sind."

"Großeltern können ein Fels in der Brandung sein", weiß der Münchner Diplompsychologe und Gutachter am Familiengericht Josef Salzgeber. Mit Hochachtung erinnert er sich an einen besonnenen Großvater, dessen Tochter sich von ihrem Mann trennen wollte. Auf einer Tagung mit Fachleuten habe er herausfinden wollen, wie er selbst zum Wohl seiner Enkelkinder am besten in diesem Konflikt agieren könnte. Nicht selten kommt es nach den Beobachtungen des Vorstandsmitglieds beim Deutschen Familiengerichtstag aber vor, dass Großeltern noch Öl ins Feuer gießen, wenn der Familienfrieden des Kindes ohnehin schon in Flammen steht: Großmütter, die mit der eigenen Tochter um die Enkelkinder rivalisieren, weil sie sich für die bessere Mutter halten. Großeltern, die sich zu Verbündeten des eigenen Sohnes und manchmal sogar der Schwiegertochter machen. Und häufig Elternteile, die nicht nur den früheren Partner, sondern mit ihm gleich dessen ganze Sippe vom Umgang mit den Kindern ausschließen wollen. "Ich kenne alle Variationen", sagt Salzgeber und weiß um die besondere Nähe, die Großeltern und Enkel im Normalfall verbinden kann, und um die Trennungsschmerzen, wenn diese Nähe nicht mehr gelebt werden darf.

Seit 1998 gesteht das Kindschaftsrecht Großeltern ein eigenes Recht auf Umgang mit ihren Enkelkindern zu – wenn es deren Wohl dient. "Das wird im Streitfall nicht automatisch vermutet, sondern muss vom Familiengericht festgestellt werden", erklärt Isabell Goetz, Familienrichterin in München und Sprecherin des Deutschen Familiengerichtstags. Was dem Kindeswohl dient, sei nicht eindeutig zu definieren und müsse jeweils von Fall zu Fall entschieden werden. "Es ist leider nicht so klar, wie den Unterhalt zu regeln." Deshalb muss das Gericht nicht nur das Kind selbst, sondern auch das Jugendamt, Erzieherinnen, Nachbarn und – falls keine Entscheidung zustande kommt – einen Gutachter hören. Wenn es besonders schwierig wird, bestellt es einen Verfahrensbeistand, der dem Kind anwaltlich zur Seite steht.

"Meistens sind solche Konflikte rechtlich gar nicht zu lösen", gibt Josef Salzgeber zu bedenken und rät Großeltern eher davon ab, ein eigenes Umgangsrecht zu beantragen. "Ein zweites Gerichtsverfahren neben der Scheidung der Eltern trägt nicht zum Frieden in den Familien bei." Auch nicht zum Wohl des Kindes, das sich in doppelter Hinsicht als ständige Ursache von Streitereien erlebe. Nicht nur, dass solchen Verfahren häufig tiefe Verletzungen zugrunde lägen, die besser im Gespräch aufgearbeitet würden. Nicht selten werde das Umgangsrecht von den streitenden Parteien auch instrumentalisiert für den innerfamiliären Machtpoker. Jeder Elternteil sollte, sofern das Kind Zeit mit ihm verbringen darf, versuchen, in seinen Umgang mit dem Kind auch die eigenen Eltern und somit die Großeltern des Kindes einzubeziehen.

Gerhard L. will nichts versäumen und seiner Enkelin später mal sagen können: "Ich habe alles gemacht, was ich tun konnte für unsere Beziehung." Aufgeben würde er erst dann, wenn Klara selbst sagte: "Ich will mit Opi nichts mehr zu tun haben." Aber meinen Kinder wirklich, was sie sagen, wenn sie sich so äußern gegenüber Bezugspersonen, die aus dem System ausgeschlossen werden sollen? Familienrichterin Götz kann sich an die Anhörung eines fünfjährigen Knirpses erinnern, der ganz unbedarft von sich gab: "Jetzt habe ich vergessen, was ich sagen sollte." Da hatte ihm offensichtlich ein Elternteil die Marschroute vorgegeben. Parental Alienation Syndrom (PAS) heißt der Fachbegriff, wenn Bezugspersonen Kinder dermaßen zu manipulieren versuchen, dass sie dem anderen Eltern- oder Großelternteil entfremdet werden und den Umgang von sich aus verweigern. Zu holzschnittartig freilich kommt Josef Salzgeber der Begriff PAS daher. Zu vorschnell werde etwa die Mutter, bei der ein Kind lebt, der Manipulation verdächtigt, wenn dieses Kind nach einem Wochenende bei seinem Papa behaupte, es wolle da nicht mehr hin. "Das kann auch Gründe haben, die mit dem Papa zu tun haben. Vielleicht kann er mit seinem Nachwuchs nichts anfangen, und das Kind hat sich nur maßlos gelangweilt." Andererseits können Manipulationsversuche sehr subtil ausfallen: Die Mutter ermuntert zwar zum Besuch des Vaters, zeigt aber, wie traurig sie darüber ist.

"Enge Bezugspersonen mit Feindbildern zu belegen, ist das Schlimmste, was man in Kinderseelen anrichten kann", empört sich Rita Boegershausen, die 2002 die Bundesinitiative Großeltern mitgründete. Diese setzt sich nicht nur politisch für die Rechte von Großeltern und deren Enkel ein, sondern macht auch praktische Angebote wie eine Großelternschule in Köln. Dort können sie lernen, was sie selbst beitragen können, damit ein Streit nicht auf dem Rücken der Enkel ausgetragen wird. "Es spielt sich unheimlich viel auf der menschlichen Ebene ab", erkennt auch Boegershausen die Grenzen gerichtlicher Regelungen.

Dieser menschlichen Ebene ist zu verdanken, dass wirklich gute Großeltern-Enkel-Beziehungen zuweilen viele Trennungsjahre überstehen. Gerhard L. glaubt fest an die "Grundliebe" zwischen Klara und ihm, die "nicht zu zerstören ist". In Rita Boegershausens Initiative "häufen sich zurzeit die Wunder: Enkel, denen die Trennung von den Großeltern als Kinder aufgezwungen wurde, kommen jetzt als Jugendliche zu Oma und Opa zurück."

Autor: Anita Rüffer