Sie befinden sich hier: Wissenswertes > Printmedien


Wenn Großeltern ihre Enkel nicht sehen dürfen    
[22.12.2006]

Jetzt in der Weihnachtszeit tut es am meisten weh: Während andere Großeltern sich auf die Feiertage mit ihren Enkeln freuen, Plätzchen backen, Geschenke einpacken und Nikolausstrümpfe füllen, weiß Martha Schneider (Name geändert), dass sie wieder allein sein wird.

Sie hat vier Enkelkinder, doch ihre Tochter will nicht, dass sie ihre Oma besuchen. Nicht nur zu Weihnachten, sondern niemals. Warum, dass kann sich Frau Schneider einfach nicht erklären. «Ich glaube, da steckt viel Unaufgearbeitetes aus der Kindheit dahinter», sagt sie. Ihre Tochter habe ihr nie verziehen, dass sie ohne Vater aufgewachsen ist, vermutet sie. Wie sie leiden viele darunter, dass ihre Töchter und Söhne ihnen den Nachwuchs vorenthalten.

Leiden und schweigen

Scheiden tut weh, nicht nur den rund 200.000 Paaren, die jedes Jahr auseinander gehen. Mit den Partnerschaften gehen oft langjährige liebevolle Beziehungen zwischen Großeltern und Enkeln in die Brüche. Seit der Kindschaftsrechtsreform von 1998 haben Großeltern zwar das Recht, den Umgang mit ihren Enkeln einzuklagen, wenn es dem Kindeswohl nicht entgegensteht.

Doch die meisten Großeltern leiden lieber schweigend und kehren Familienprobleme unter den Teppich, als ein Gericht zu bemühen. Nicht aber Anne Hagendorf aus Refrath oder Erika und Hans-Werner Bierganns aus Bergisch Gladbach. Sie schlossen sich der Bundesinitiative «Großeltern von Trennung und Scheidung betroffener Kinder» (BIGE) an.

Einmal im Monat trifft sich die vor anderthalb Jahren gegründete Untergruppe Rheinland in Köln-Brück und bietet Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch. «Auch in strittigen Fällen sollen beide Großeltern weiterhin regelmäßig Kontakt zu ihren Enkeln halten und dabei die Beziehung zu ihnen aufbauen und vertiefen», fordern sie. Im Fall des Ehepaars Bierganns wurde die anderthalbjährige Enkelin von der Schwiegertochter in die Ukraine entführt.

«Wir haben das Mädchen seit sieben Jahren nicht mehr gesehen», erzählt Erika Bierganns. Dass sie sich mit Menschen treffen kann, die Ähnliches durchmachen, hilft ihr weiter. Menschen wie Holger und Margret Pfleger aus Bergisch Gladbach zum Beispiel. Die Ehe ihrer Tochter wurde nach zweijährigem Ehekrieg geschieden, der zum großen Teil vor den Augen und Ohren der Enkeltochter ausgetragen wurde.

Das durch die ständigen Auseinandersetzungen der Eltern traumatisierte Kind bekam Schulschwierigkeiten. Es folgte eine lange Reihe von ärztlichen und psychologischen Untersuchungen. Die Ärzte diagnostizierten eine leichte Epilepsie, Verhaltensstörungen und Entwicklungsrückstand. Sie empfahlen die Unterbringung in einer heilpädagogischen Anstalt.

Die Großeltern misstrauten dem Urteil und sprachen sich insbesondere gegen die Heimunterbringung aus. «Dafür werden wir von unserer Tochter mit Kindesentzug bestraft», meint Holger Pfleger bitter. Nie würde er etwas tun, was seiner Hannah schadet, er will sie nur sehen. «Sie braucht doch ihre Familie». Jede Woche schreibt der Opa ihr einen Brief, jeden weiteren Kontakt unterbindet das heilpädagogische Kinderheim unter Berufung auf das «Konzept». Der letzte Antwortbrief von Hannah beginnt mit dem Satz: «Ich vermisse euch sehr.»

Auch Anne Hagendorf weiß, dass sich verletzte Gefühle nicht durch das Strafgesetzbuch aus der Welt schaffen lassen. «Da implodieren ganze Familien», weiß sie. Bewährt hat sich das Modell eines Familienrichters in Cochem, der Eltern, Anwälte und Behörden möglichst zeitnah um einen Tisch schart und gemeinsam nach einer Lösung sucht.

Dieses Modell, wünscht sich die pensionierte Lehrerin, sollte in ganz Deutschland Schule machen. «Es muss in erster Linie immer um das Kind gehen, alle anderen Interessen sind zweitrangig», sagt Frau Hagendorf. In den meisten Fällen seien es verlassene Mütter, die den Kontakt zum Ex und seiner Familie torpedieren - bewusst oder unbewusst.

Die Kinder übernehmen das negative Bild aus Angst, auch noch die Mutter zu verlieren und ihr weh zu tun, und ziehen sich zurück. Sie wollen weder mit dem Vater, noch mit dessen Familie zu tun haben. Elternentfremdungssyndrom nennt man dieses Phänomen. «Nicht locker lassen», empfiehlt Anne Hagendorf. Großeltern sollten sich vor allem nicht in den Mittelpunkt stellen und neutral bleiben. «Auch wenn wir für unsere Enkel nichts mehr erreichen, wollen wir verhindern, dass es der nächsten Generation genau so geht, weil wir wissen welche Schmerzen damit ganzen Familien zugefügt werden.»

Martha Schneider hat sich mit der Situation abgefunden und gelernt, damit zu leben. «Irgendwann muss man aufhören, in alten Wunden zu wühlen», sagt sie. Trotzdem gibt sie die Hoffnung nicht auf, ihre Enkelkinder eines Tages in die Arme schließen zu können.

Autor: Andrea Floß