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ZEIT ONLINE  [Beitrag von Franziska Günther, 23.12.2008]

ZEIT ONLINE: Was macht die Beziehung zwischen Enkeln und Großeltern so besonders?

Francois Höpflinger: Sie ist das letzte unangefochtene Überbleibsel des bürgerlichen Familienideals. Die Großelternrolle genießt heute eine hohe Akzeptanz. Das war allerdings nicht immer so.

ZEIT ONLINE: Können Sie das genauer erläutern?

Höpflinger: Anfang des 20. Jahrhunderts hatten Großeltern ein sehr negatives Image. Sie galten als zu unmodern und man warf ihnen vor, die Enkel nur zu verwöhnen. Außerdem waren sie häufig körperlich und geistig nicht mehr fähig, sich um ihre Enkelkinder zu kümmern. Heute sind Großeltern im Allgemeinen gesünder, aktiver und innovativer.

ZEIT ONLINE: Wie wirken sich Konflikte zwischen Eltern und Großeltern auf die Enkelbeziehung aus?

Höpflinger: Der Wegfall der autoritären Erziehungsmuster hat einiges entschärft. 1968 hatte die Jugend ganz andere Wertvorstellungen als ihre Eltern aus der Kriegsgeneration. Dieser Konflikt hat sich nicht nur auf die Beziehung zwischen Kindern und ihren Eltern negativ ausgewirkt, sondern auch auf die Beziehung der Enkel zu ihren Großeltern. Die 68er-Eltern wollten ihre Kinder den neuen Werten entsprechend erziehen und haben daher vielleicht einen engen Kontakt zu den Großeltern vermieden. Heute entfällt dieser Generationenkonflikt, weil sich die Wertvorstellungen von Jung und Alt angenähert haben.

ZEIT ONLINE: Was hat sich dadurch im Verhältnis von Enkeln und Großeltern verbessert?

Höpflinger: Die distanzierte Großeltern-Enkel-Beziehung ist zu einer kameradschaftlichen geworden. 2004 haben wir 658 Enkel befragt, wie sie ihre Großeltern einschätzen. 80 Prozent bewerteten ihre Großeltern positiv.

ZEIT ONLINE: Was unterscheidet die Beziehung Großeltern-Kind von der Beziehung Eltern-Kind?

Höpflinger: Die Eltern tragen die direkte Verantwortung für ihre Kinder, die von der Gesellschaft auch streng eingefordert wird. Die Großeltern haben dagegen rechtlich gesehen eine relativ schwache Rolle. Um so größer ist ihre gesellschaftliche Bedeutung für die Familie: als Betreuer von Kleinkindern und zusätzliche Bezugspersonen. Dennoch gilt in ihrem Fall das Prinzip des Engagements ohne Einmischung: Die Großeltern sollen betreuen, aber nicht erziehen.

ZEIT ONLINE: Ist es das, was sich Enkel von ihren Großeltern wünschen?

Höpflinger: Fragt man Jugendliche, so wünschen sie sich Großeltern, die sich Zeit für sie nehmen und Verständnis für sie aufbringen. Jedoch gibt es bei den Gesprächsthemen klare Grenzen, wie zum Beispiel Sexualität.

ZEIT ONLINE: Was können Großeltern und Enkel voneinander lernen?

Höpflinger: Für die Enkel sind Großeltern wichtig, weil sie für den Erhalt von Ritualen und Familientradition stehen. Kinder sind sehr interessiert an Bräuchen und Familiengeschichten, das zeigt sich gerade um Weihnachten herum. Die Großeltern können wiederum durch ihre Enkel an die eigene Jugend anknüpfen. Sie können wieder Kinder betreuen - aber dieses Mal, ohne die volle Verantwortung für den Nachwuchs zu haben. Außerdem kommen Großeltern mit Schulkindern und Jugendlichen auf den aktuellen Stand der Technik, zum Beispiel, wenn der Enkel seinem Opa das Internet erklärt.

ZEIT ONLINE: Nur noch wenige Großeltern leben heute gemeinsam mit ihren Kindern und Enkeln unter einem Dach. Beeinflusst das die Großeltern-Enkel-Beziehung negativ?

Höpflinger: Nein, wir haben im Gegenteil festgestellt, dass sich große Nähe eher negativ auswirkt, vor allem in einem gemeinsamen Haushalt. Es hat sich in unseren Studien gezeigt, dass in Bayern Familien oft in einem Haus wohnen, aber mit getrennten Eingängen. Das geht. Schwierig kann natürlich auch eine große räumliche Distanz werden, weil man sich dann leicht entfremdet. Das zeigt sich besonders bei Immigrantenfamilien. Großeltern aus Südeuropa kommen häufig aus ländlichen Regionen und haben wenig Verständnis für das urbane Leben und das moderne Familienbild ihrer Enkel. Manchmal scheitert es einfach an sprachlichen Problemen: wenn zum Beispiel eine sizilianische Großmutter ihren Enkel in Deutschland besucht und vielleicht nur einen speziellen Dialekt spricht. Das macht die Beziehung natürlich schwierig. Der Kontakt über die Entfernung wird erschwert, wenn die Großeltern im Heimatland keinen Zugang zum Internet haben.

ZEIT ONLINE: Haben Menschen mit einer intensiven Beziehung zu ihren Großeltern automatisch ein besseres Verhältnis zu alten Menschen?

Höpflinger: Ich kann bestätigen, dass eine gute Beziehung zu den Großeltern das Verhältnis zwischen Jung und Alt generell verbessert. Es gibt aber eine Gruppe von Kindern, bei denen das nicht der Fall ist. Das sind solche, deren Großeltern dement waren, oder die die Bedürftigkeit ihrer Großeltern zu stark erlebt haben. Für diese Enkel ist das Bild von älteren Menschen negativer.

ZEIT ONLINE: Es gibt Projekte, in denen ältere Menschen in Seniorenheimen Kleinkinder betreuen. Wie schätzen Sie so eine Ersatz-Großelternschaft ein?

Höpflinger: Es ist eine gute Möglichkeit Beziehung zwischen Alt und Jung in der Gesellschaft herzustellen, wenn Großeltern und Enkel in der Familie fehlen. Ich kenne Projekte, in denen Migrantenkinder bei Wahlgroßeltern ihre Hausaufgaben erledigen und dabei sprachlich gefördert werden. Die Senioren müssen natürlich noch rüstig und auf der Höhe der Zeit sein. Außerdem ist es wichtig, dass sie sich nicht in die Erziehung der Eltern einmischen und zudem gut über religiöse Belange informiert sind. Sie müssen zum Beispiel wissen, ob sie einem albanischen Schulmädchen ein Schinkensandwich geben dürfen. Wenn alles gut abgesprochen ist, kann so eine Ersatzgroßelternschaft sehr wertvoll sein.

Die Fragen stellte Franziska Günther