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Als wären die Enkel nie da gewesen
[22. Februar 2010]
   

Bei einer Scheidung leiden die Kinder nicht nur unter der Trennung von Vater oder Mutter. Oft verlieren sie auch die Großeltern. Doch diese haben ein Recht auf ihre Enkel. Seit fast zwei Jahren kann Helene Fassner nachts kaum noch schlafen. Ihre Gedanken kreisen um Charlotte - ihre Enkelin, um die sie sich fünf Jahre kümmerte.  Von Sabine Schmitt

Seit fast zwei Jahren kann Helene Fassner* nachts kaum noch schlafen. Ihre Gedanken kreisen um Charlotte. "Ich überlege die ganze Zeit, was ich noch tun kann, um sie wiederzusehen", sagt die Rentnerin. "Aber was soll ich machen, wenn ich die Erwachsenen gegen mich habe?"

Fünf Jahre lang hatte sich Helene Fassner um ihre Enkeltochter gekümmert - fast täglich, denn ihre eigene Tochter hatte wenig Zeit und kaum Interesse an dem Kind. Von Charlottes Vater lebte sie seit Langem getrennt. Helene Fassner war eine Bilderbuch-Oma - ohne grauen Dutt, sondern jung geblieben. Sie stand noch im Berufsleben, für Charlotte allerdings ging sie bei ihrer Firma in Altersteilzeit.

Dann jedoch ging alles ganz schnell: Charlottes Mutter zog mit einem neuen Mann ans andere Ende der Republik. Die Tochter nahm sie mit. Ein neuer Mann, ein neues Kind und jede Menge Missverständnisse. Die Großmutter durfte Charlotte nicht wiedersehen.

Meistens sind es eher die Eltern der Väter, die ihre Enkel auf diese Weise verlieren. Denn nach einer Trennung bleibt ein Großteil der Kinder bei ihren Müttern, und die brechen dann oft den Kontakt zur gesamten Familie des Mannes ab. "Es kommt aber immer häufiger vor, dass auch die eigenen Töchter, die Enkelkinder entziehen", sagt Rita Boegershausen, Sprecherin der Bundesinitiative Großeltern von Trennung und Scheidung betroffener Kinder. Meist ist dann ein neuer Partner im Spiel. "Es ist wohl eine Möglichkeit, Macht auszuüben", vermutet Boegershausen.

Um eine gesellschaftliche Randerscheinung handelt es sich bei den "ausgegrenzten" Großeltern, wie sie genannt werden möchten, nicht: Gut ein Drittel aller Ehen geht in Deutschland in die Brüche. Rund 150.000 Kinder sind laut Statistischem Bundesamt jährlich von Scheidungen betroffen - ohne diejenigen, deren Eltern erst gar nicht verheiratet waren. Studien zufolge verlieren die Hälfte der Kinder innerhalb eines Jahres den Kontakt zu einem ganzen Familienzweig. "Allein bei unserer Initiative melden sich täglich zwei Großeltern, die ihre Enkel nicht mehr sehen dürfen", sagt Boegershausen. Und ihre Vereinigung ist nur eine von vielen, die sich in den vergangenen Jahren gegründet haben.

Dabei steht das Gesetz durchaus auf der Seite der Großeltern. Seit der Reform des Kindschaftsrechts 1998 wurde das Umgangsrecht gesetzlich festgeschrieben (§ 1685 BGB). Allerdings mit dem kleinen Zusatz: "wenn dieser (Umgang) dem Kindeswohl dient". Genau daran scheiden sich oft die Geister. "Das Recht ist nicht so stark ausgestaltet wie beim Umgangsrecht mit den Eltern", sagt die Pinneberger Familienrechtlerin Jutta Bruhn. "Da braucht es schon eine besonders enge Beziehung."

Viele Senioren scheuen sich

Regelmäßiger Kontakt werde vorausgesetzt oder sogar, dass das Enkelkind teilweise im Haushalt der Großeltern gelebt hat oder dort betreut wurde. Die Erfolgsaussichten für die Großeltern vor Gericht schätzt sie auch dann noch als gering ein, denn "das Umgangsrecht ist nicht vollstreckbar". Das heißt, es gibt keine Sanktionsmöglichkeiten, wenn der sorgeberechtigte Elternteil den Kontakt zu Oma und Opa nicht zulässt. "Das Recht gelangt da an seine Grenzen", sagt Anwältin Bruhn.

Beim zuständigen Familiengericht können Großeltern einen Antrag auf eine Umgangsregelung stellen. Doch vor diesem Schritt scheuen viele Senioren zurück. Auch Helene Fassner. Einen Anwalt hat die 61-Jährige bereits eingeschaltet, doch seine Briefe ignoriert die Tochter. Vor dem letzten Schritt, um ihr Recht auf Umgang mit ihrer Enkeltochter zu erstreiten, schreckt sie zurück. "Ich will doch das Kind nicht vor Gericht zerren", sagt die Großmutter. "Ich habe auch Angst davor, dass Charlotte dann so manipuliert wird, dass sie sagt, dass sie gar nicht mehr zu mir will."

Unzählige solcher Sätze hat Jürgen Rudolph in seinen 30 Jahren als Familienrichter in Cochem gehört. "Da findet häufig eine regelrechte Dämonisierung des anderen Elternteils oder der Großeltern statt", sagt Rudolph, der nach seiner Pensionierung als Anwalt arbeitet. Seit 17 Jahren setzt er sich dafür ein, dass es nicht die Kinder sind, die zu einer Gerichtsverhandlung müssen, sondern dass es deren Eltern und Großeltern sind, die sich an einen Tisch setzen müssen, um eine Entscheidung zu treffen. "Verordnete Kooperation" nennt sich diese Form, bei der nicht nur Gerichte und Anwälte eingeschaltet sind, sondern auch psychologische Berater und das Jugendamt.

"Da müssen alle an einem Strang ziehen", sagt Rudolph, der die sogenannte Cochemer Praxis mitbegründet hat, deren Grundzüge im vergangenen Jahr Eingang in das neue Familienverfahrensrecht gefunden haben. "Uns geht es in erster Linie darum, die Perspektive andersherum zu drehen", erläutert Rudolph. "Wir versuchen, den Blick darauf zu lenken: Welches Recht hat eigentlich das Kind an dem verloren gegangenen Elternteil oder den Großeltern - und nicht nur umgekehrt."

In Cochem haben Juristen gute Erfahrungen mit diesem Modell gemacht. Termine in strittigen Fällen müssen dort innerhalb von zwei Wochen anberaumt werden. Aus dem Gerichtssaal geht es direkt zur Beratungsstelle, und dort wird ein weiterer Termin vereinbart, wann man sich an einen Tisch setzen wird. "Das Verfahren bleibt vor Gericht anhängig", sagt Rudolph. Mit langen Schriftsätzen herauslavieren kann sich niemand, ein Verschanzen hinter Gutachten ist nicht möglich und "schmutzige Wäsche wird in der Beratung auch nicht gewaschen, da geht es nur um eine Lösung", erklärt der ehemalige Richter. Und schnell muss es gehen, denn für Kinder werden ein paar Wochen zur Ewigkeit. "Selbst in hochstrittigen Fällen konnte so zu 95 Prozent eine Lösung zum Wohle des Kindes gefunden werden."

Deutschland hat Nachholbedarf

Jahrelang haben der Familienrichter und seine Cochemer Kollegen darum gekämpft, dass ihre Praxis Eingang in die Gesetzgebung findet. In abgespeckter Form und mit etwas längeren Fristen ist das Verfahren seit September 2009 bundesweit in Kraft. Erstmals können damit überall in Deutschland Eltern verpflichtend in Beratung geschickt werden. Doch die Kooperation zwischen Gerichten, Behörden und Beratungsstellen ist noch nicht auf der Höhe der Zeit. "Was hilft das alles, wenn die interdisziplinäre Ausbildung noch sehr zu wünschen übrig lässt", sagt Anwalt Rudolph.

"Es ist eine Frage der Herangehensweise an den Konflikt", sagt Rudolph. In Frankreich beispielsweise sei das Recht der Enkel auf Kontakt mit den Großeltern gesetzlich geregelt. Deutschland habe da noch Nachholbedarf. Das Kindschaftsrecht sei "eindeutig auf die Erwachsenen fokussiert", kritisiert der Familienrechtler. "Das Sorgerecht ist wie eine Verfügungsgewalt über ein Objekt, eine Art Eigentumserklärung." Die Perspektive der Kinder werde noch viel zu selten eingenommen.

Und die sind es, die darunter leiden, wenn Oma und Opa plötzlich aus ihrem Leben fallen. Oft sind es sogar gerade die Großeltern, die wie ein Fels in der Brandung für die Kinder sind, wenn es zwischen den Eltern Streit gibt. Die Bundesinitiative Großeltern setzt sich für diesen Perspektivwechsel im Umgangsrecht ein.

"Denn bisher war es so, dass man sich so einen Gerichtsbeschluss auch einfach an die Wand heften konnte", sagt Initiativensprecherin Boegershausen. Wenn die Eltern den Umgang des Enkels mit den Großeltern nicht wollten, dann sei auch mit Strafen nicht viel zu machen. Einsicht statt Sanktionen - darauf hofft auch Helene Fassner immer noch. "Es kann doch nicht sein, dass es so ist, als wäre Charlotte nie da gewesen."

*Name von der Redaktion geändert