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  17.10.2013

Enkel-Verbot lässt Träume platzen
Wenn Großeltern ausgeschlossen werden

Nach Scheidung oder Streit dürfen viele Großeltern ihre Enkel nicht mehr treffen. Das ist für beide Seiten schlecht.
von Karsten Krogmann



Im Nordwesten- Als Sophie* sechs Jahre alt war und zur Schule kommen sollte, schickten ihre Großeltern einen Brief an Sophies Eltern. „Hallo Kinder“, schrieben sie, „wir dürfen Euch sagen, dass wir auch am Einschulungsgottesdienst teilnehmen werden. Wir freuen uns, Euch alle wiederzusehen.“ Ein Jahr lang dauerte dieser Streit jetzt schon; vielleicht würde er an diesem Tag ja endlich enden.

Drei Tage später antwortete ihnen eine Rechtsanwältin: Die Großeltern möchten bitte „von diesem Plan“ Abstand nehmen. Sie drohte mit einer einstweiligen Verfügung.

Die Großeltern hatten bereits eine hübsche Schultüte für Sophie gekauft; sie stellten sie ihr zu Hause vor die Tür.

Wieder bekamen sie Post von der Rechtsanwältin: „Wir erteilen namens und im Auftrag unserer Mandanten Hausverbot.“ Die Großeltern dürften ab sofort das Grundstück ihrer Kinder nicht mehr betreten; sollten sie Pakete schicken, werde man die Annahme verweigern.

Ein Streit eskaliert

Herr B., ein ehemaliger Abteilungsdirektor von 74 Jahren, sitzt in seinem Haus und sucht erfolglos nach passenden Worte. Wie soll er erklären, was er selber nicht versteht? „Die Sache ist aus dem Ruder gelaufen“, sagt er dann.

Dieser Streit: Da war die Schwiegertochter, die nicht mehr mit seiner Tochter sprach. Da war sein Sohn, der ihm mitteilte, dass seine Familie wegen der Schwester nicht zu Mutters Geburtstag kommen werde. Da waren plötzlich gegenseitige Vorhaltungen, Stimmen wurden lauter, ein Wort gab das andere. „Es eskalierte“, sagt Herr B.

Wenig später bekam er eine Nachricht von seiner Schwiegertochter: Sie wolle Herrn und Frau B. vorerst nicht mehr sprechen. Auch die Enkelkinder bekämen sie nicht zu sehen. „Sie meinte: Es seien ja schließlich ihre Kinder“, sagt Herr B., er schüttelt den Kopf. Das Alter hat ihn kahl werden lassen; vielleicht war es auch der Kummer.

Wütend und hilflos

Sophie ist jetzt neun, ihr Bruder Max* ist 14. Seit vier Jahren haben sie keinen Kontakt mehr zu den Großeltern.

Herr B. hat ein Foto, es zeigt Max in der Kirche bei seiner Konfirmation. Herr B. hat das Foto neulich bei einem Fotografen gekauft, er bot die Bilder im Schaufenster an.

Die Großeltern hätten Max zur Konfirmation gern ein wertvolles Gebetbuch geschenkt. Das Buch gehörte einst den Großeltern von Frau B., die Buchstaben sind aus Golddruck. Dieser Streit: Herr B. machte schriftlich Vorschläge, wie das Geschenk zu Max gelangen könnte; vielleicht könnte es ja der Pastor in der Kirche übergeben?

Die Rechtsanwältin meldete sich. Sie untersagte jegliche Geschenkübergabe.

Jetzt sind Herrn B. doch ein paar passende Worte eingefallen, sie beschreiben seine Gefühle in den vergangenen vier Jahren. Es sind die Worte, die er ständig in der Selbsthilfegruppe „Enkel brauchen ihre Großeltern“ hört: Enttäuscht! Wütend! Verzweifelt! Hilflos! Allein.

Genau genommen sind Herr und Frau B. nicht allein: In der Selbsthilfegruppe Friesland, die B. gegründet hat, treffen sich 20 Großeltern-Parteien, die ihre Enkel nicht sehen dürfen. In den neu gegründeten Gruppen Oldenburg und Wilhelmshaven sind es jeweils zehn Parteien.

Es sind so viele Großeltern, dass es sogar eine Bundesinitiative für sie gibt: die Bundesinitiative Großeltern, kurz BIGE genannt. Sprecherin Rita Boegershausen (70) aus Essen kann stundenlang von schlimmen Fällen berichten, „von so viel Leid“. Meistens wurden die Großeltern durch eine Scheidung von ihren Enkeln getrennt, oft aber auch durch Streit. Zahlen kann Boegershausen nur schätzen, „es müssen Zehntausende sein jedes Jahr“. Die BIGE-Homepage wurde mehr als 160 000-mal aufgerufen.

Der Gesetzgeber kennt das Problem und hat deshalb den Paragrafen 1685 ins Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) geschrieben. „Großeltern haben ein Recht auf Umgang mit dem Kind, wenn dieser dem Wohl des Kindes dient“, heißt es dort.

Jahrelang, sagt Herr B., habe er sich ums Kindeswohl gekümmert. Max, der ältere Enkel, ist mit ihm zum ersten Mal mit der Eisenbahn gefahren. Er ist mit B. auch zum ersten Mal geflogen. „Er hatte keine Flugangst“, erinnert sich Herr B. und lächelt, „das hätte seinem Uropa gefallen.“ Der Vater von Herrn B. war Pilot. Er wurde im Krieg abgeschossen, als Herr B. fünf Jahre alt war. „Vielleicht ist mir deshalb eine enge Familienbindung so wichtig“, meint B.

Im Sommer ging Max schwimmen mit den Großeltern. Im Herbst sammelten sie Blätter, im Winter tobten sie im Schnee, im Frühjahr beobachteten sie im Wald die Tiere. „Wir waren ständig zusammen“, sagt Herr B.

Er reichte beim Familiengericht Klage ein auf Gewährung des Umgangsrechts. Das Gericht lehnte ab. Der Loyalitätskonflikt wegen des Streits von Eltern und Großeltern gefährde das Kindeswohl.

Wertvolle Erfahrungen

„Das BGB kennt im Grunde keine Großeltern“, sagt Dr. Rosemarie Nave-Herz (78), Großmutter und langjährige Professorin für Familiensoziologie an der Universität Oldenburg. „Kein Wunder“, meint sie: Es stamme ja aus einer Zeit, als die Drei-Generationen-Familie noch eine Seltenheit war.

Heute weiß die Forschung, dass sich Großeltern und Enkel sehr viel geben können. „Ihre Beziehung bewerten sie im Allgemeinen sehr positiv“, sagt Nave-Herz.

Die Großeltern bekommen Zärtlichkeit und körperliche Nähe, die im Alter immer wichtiger werde. Die Enkel bekommen Erfahrungen: „Sie erleben Personen, die ihnen ähnlich sind, aber in einer anderen Welt aufgewachsen sind.“ Und die den Enkeln etwas über ihre Eltern erzählen können, was sie noch nicht wissen, „das macht Eltern menschlicher“.

Dienstagsabends im Haus des Paritätischen Friesland in Varel-Langendamm. Die Selbsthilfegruppe trifft sich.

Da ist das Großelternpaar G. aus der Wesermarsch. Ihr Sohn starb vor drei Jahren. Seine Lebensgefährtin sagte, sie müsse sich erst auf die neue Situation einstellen und wünsche vorerst keinen Kontakt. Dann fand sie einen neuen Partner. Er teilte den Großeltern G. mit, dass ihre Post ungeöffnet in eine Kiste komme. Die Großeltern G. haben nicht nur ihren Sohn, sondern auch zwei Enkel verloren.

Da ist Herr K. aus dem Ammerland. Seine Tochter geriet in Streit mit ihrer Mutter und teilte ihr mit, es ginge ihr besser, wenn sie sie nicht mehr sähe. Die Tochter hat drei Kinder, das jüngste ist ein Jahr alt. Die Großmutter hat es noch nie gesehen. Herr K. sagt, seine Frau schläft schlecht. Sie ist krank geworden darüber.

Herr B. berichtet, einmal habe er Max und seinen Vater bei einer Sportveranstaltung getroffen. Grußlos gingen sie an ihm vorüber, Max hatte einen hochroten Kopf.

Die Zeit läuft davon

„So was ist Körperverletzung!“, schimpft Herr K.

Herr K., 62 Jahre alt, ist ein ehemaliger Polizeibeamter. Er darf seine Enkel sehen. Neulich war er wieder bei seiner Tochter, da blickte seine Enkeltochter um die Ecke: „Sag’ mal Opa, ist Oma böse?“ In Frankreich, sagt Soziologin Nave-Herz, gibt es ein Großelternrecht. Der Umgang mit ihren Enkeln steht ihnen zu; wenn die Eltern das nicht wollen, müssen sie die Großeltern verklagen. Und begründen, warum der Umgang dem Kindeswohl schade. In Deutschland ist es umgekehrt.

Herr B. fordert in seinem Haus: „Es sollte vor Gericht tatsächlich ums Kindeswohl gehen. Der Streit der Erwachsenen muss dahinter treten!“

Er hat das Foto von Max in der Hand. Vier Jahre dauert dieser Streit jetzt schon, keine Briefe, keine Mediationen, kein Gericht konnten ihn beenden. Max wird langsam erwachsen. Vielleicht nimmt er den Kontakt wieder auf, wenn er volljährig ist. Vielleicht aber auch nicht; wer weiß, welches Bild er von Herrn B. hat. Vielleicht gibt es dann auch Herrn B. nicht mehr. Er ist jetzt 74, er hat drei schwere Operationen hinter sich. „Die Zeit läuft uns davon“, sagt Herr B.

* Namen geändert