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ZEIT ONLINE  [Beitrag von Hans-Joachim Neubauer, 12.10.2014]    Seite 1/2

"Wenn ich im Fernsehen das Wort Oma höre, kommen mir die Tränen." Margrit Thomas blinzelt in die Spätsommersonne. Sie trägt beige Strickjacke, weiße Hose, flache Schuhe, sie hat sorgfältig nachgezogene Augenbrauen und ein junges, offenes Gesicht. Niemand würde ihr glauben, dass sie über 60 ist. An der linken Hand hat sie ein paar schmale Ringe, die eckige Armbanduhr ist silbern: "Eine Stunde haben wir noch." Wir stehen in einer Nebenstraße in Hamburg, fünf Minuten vom S-Bahnhof Wandsbek entfernt. Ab und an rollt ein Auto vorbei. Der Nachmittag ist kaum kühler als der Morgen. "Gehen wir doch rüber zum Karstadt, da können wir in Ruhe sprechen."

Margrit Thomas kennt die Gegend gut. Seit Jahren kommt sie regelmäßig hierher, hier trifft sie sich mit anderen Frauen und manchmal auch mit Männern, hier reden sie offen miteinander. Es geht um Gefühle, es geht um Gesetze, es geht um Geld. Margrit Thomas ist Deutschlands bekannteste verstoßene Großmutter. Sozusagen die Nummer eins unter den schlecht Behandelten. Damit soll jetzt Schluss sein. "Ich will nicht mehr", sagt sie.

Im Karstadt kostet Granini 2,10 Euro, die Orangina 2,30 Euro. "Als ich so weit war, hätte ich mir so was gewünscht, also so eine Gruppe." Thomas hat den Pastor ihrer evangelischen Gemeinde angesprochen, aber der sagte nur: "Bei uns gibt es so was nicht." "Bei uns", das heißt in Schleswig-Holstein, im Hamburger Umland. Also ging Margrit Thomas in die Stadt, sprach mit diesen und jenen. "Ich darf vier Kinder nicht sehen", sagt sie und erzählt von ihrer Suche nach einem Forum. "Hier im Norden sind die Leute verschlossen", sagt sie. Sie wollte nicht mehr allein sein mit ihrer Sehnsucht nach den Enkeln.

Es muss doch möglich sein, dachte sie, mit anderen zu reden, denen es ähnlich geht wie ihr. Das war es. Bei KISS, einem Hamburger Sozialträger, wurde sie fündig. Die freundlichen Profis halfen ihr weiter, sie erklärten, wie man eine Selbsthilfegruppe gründet, was es braucht, sie zu leiten. "Ich hatte keinen Schimmer, wie man so was macht." Eine Anzeige im Hamburger Abendblatt wurde geschaltet, nach acht Wochen war die Gruppe komplett. "Meistens kommen nur Frauen, Männer gehen da anders mit um", erklärt Thomas. Jetzt will sie nicht mehr, bald wird sie ihre Leidensgenossen verlassen. Der Umzugstermin steht schon fest. "Je weiter ich von Hamburg weg bin, desto besser geht es mir. Deshalb verschwinde ich von hier. Das Problem ist: Großeltern haben keine Lobby."

16 Uhr. Hamburgs Großelternlobby passt in einen kleinen Raum: blau gesprenkelter Teppichboden, eine Stehlampe, an der Wand Mohnblumendrucke und eine Magnettafel, in der Mitte zwei kleine Tische. Sieben Frauen auf Stühlen, an den Armlehnen hängen Handtaschen, Stoffbeutel, ein Schal. "Man kann niemandem helfen. Aber die Gruppe gibt Halt", sagt Margrit Thomas. Das Haar trägt man kurz bis halblang, man duzt einander. Vorstellungsrunde.

"Dass die Presse da ist, konsterniert mich etwas", sagt Adele*; die anderen in der Runde waren zuvor benachrichtigt worden, Adele kommt heute zum ersten Mal. Sie trägt schwarze Lackschuhe, schwarzes Jackett und Hose, lachsrote Bluse: "Ich nenne jetzt mal nicht meinen Namen, ich sage mal Gerda", sagt sie. Sie zögert. Dann erzählt sie, dass sie mit ihren Kindern im Streit liegt, es geht um Erziehungsfragen: "Ich habe meine Enkel seit vier Wochen nicht gesehen." Die anderen lächeln. Vier Wochen.

Martina strahlt, sie kommt mit einer guten Nachricht: "Stellt euch vor", sagt die Frau mit der weißen Jacke und den roten Schuhen und lacht in die Runde, "ich bin wieder Oma geworden! Ich darf ihn wickeln und alles, obwohl er nur 2.600 Gramm wiegt!" Alle gratulieren, die Freude steckt an. Den Sohn ihrer Tochter darf Martina sehen, die Kinder ihres Sohnes nicht. Die hat die Schwiegertochter mitgenommen, als ihr Mann sie aus dem Haus warf. Trennung tut weh, aber die 2.600 Gramm sind doch ein Trost.

Kinder brauchen Oma und Opa, das glauben auch Psychologen. Großeltern unterstützen nicht nur die kognitive und besonders sprachliche Entwicklung der Enkel, sie entlasten auch die Eltern; oft werden sie zu besonderen Vertrauten der Kinder. Als Eltern der Eltern stehen sie für deren Herkunft. Da sie in der Regel nicht erziehen müssen, knüpfen sie ein eigenes Band zu den Kindern. Oft entsteht so eine starke Bindung zwischen den beiden Generationen: herzlich, entspannt, solidarisch. Davon erzählt auch das Märchen Der alte Großvater und der Enkel: Wer seine Großeltern kennt, sieht die Eltern mit anderen Augen — und kann sie entsprechend relativieren. Die Polarität der Generationen bricht auf, die Kinder begreifen: Auch ihre Eltern waren vermutlich mal jung, und einmal werden sie womöglich auch alt sein.

Gerade wenn sich Eltern trennen, wirken Großeltern als Fels in der Brandung. Meist haben sie etwas Abstand, sie stehen vielleicht sogar über den Dingen. Und sie leisten konkrete Hilfe durch materielle Zuwendung, durch Betreuung oder schlicht durch ihre Anwesenheit. Der angebliche Zerfall der Familie betrifft Großeltern kaum, sie behalten ihre Rolle für die Kinder und Enkel bei; Großfamilie stützt Kleinfamilie.

Dennoch verschiebt sich einiges: Der Alterssurvey des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) stellt fest, dass der Anteil von Großeltern, die Enkelkinder betreuen, zwischen 1996 und 2008 von etwa einem Drittel auf ein knappes Viertel sank. Dafür kann es viele Gründe geben: steigende räumliche Distanzen, die zunehmende Berufstätigkeit von Großmüttern oder das wachsende Angebot an professionellen Betreuungsplätzen für den Nachwuchs.

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