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Verstoßene Großeltern
Wenn Großeltern ihre Enkel nicht sehen dürfen
  [Miriam Dieckvoß, Herbst 2014]

"Großeltern und Geschwister haben ein Recht auf Umgang mit dem Kind, wenn dieser dem Wohl des Kindes dient." So steht es in § 1685 Absatz I des Bürgerlichen Gesetzbuches geschrieben. An diese vergleichsweise junge Regelung des BGB klammern sich viele Großeltern dann, wenn ihnen die Enkel aus den verschiedensten Gründen von den Eltern entzogen werden. Doch nicht selten hilft ihnen die Regelung nicht weiter. Auch wenn zahlreiche Fachleute versichern, dass grundsätzlich davon auszugehen ist, dass die Einbindung eines Kindes in die gesamte Familie sich förderlich auf die Entwicklung des Kindes auswirkt, ist es im Einzelfall oft schwer nachzuweisen, dass der Umgang dem Kindeswohl dient. Oft hilft es auch nichts, wenn der Umgang mit dem Kind nicht ausdrücklich verboten wird. Oft steht das Kind dann in einem Loyalitätskonflikt. Es weiß, dass die Eltern - oder ein Elternteil - den Umgang mit den Großeltern nicht gerne sehen. Häufig schauen Oma und Opa dann trotzdem in die Röhre. Mit einem Großvater, der seit Jahren für den Umgang mit seinem Enkel kämpft, hat sich das Magazin 50+Lau-tern Ende August getroffen.

Am Tisch sitzt ein älterer Herr. Seine Stimme ist ruhig und leise, seine Kleidung zeigt saloppen Chic. Der Händedruck ist sicher, aber vorsichtig. "Ich bin jetzt Mitte siebzig", stellt er sich vor, "und ich weiß nicht, ob ich in meinem Leben noch einmal mit meinem Enkel reden kann". Die Augen in dem freundlichen Gesicht werden dunkel. Dann erzählt der Mann, dessen Name hier nicht genannt sein soll und den wir deshalb Manfred Herrmann nennen, seine Geschichte. Von dem kleinen Jungen, der in direkter Nachbarschaft zu seinen Großeltern wohnt und aufgewachsen ist. Von einer Familie, die sich gegenseitig half und die in einem kleinen Ort im Donnersbergkreis ein glückliches Leben führte. Die Eltern des kleinen Jungen waren beide berufstätig, und so kam es, dass die Großeltern regelmäßig einsprangen und das Kind hüteten. In ihren Fotoalben hat der stolze Opa die glückliche Zeit dokumentiert. Der Enkel an Weihnachten im Wohnzimmer, an Geburtstagen mit Torte oder einfach so, bei Oma auf dem Arm. "Wir haben so viele Bilder, man kann seine ganze Entwicklung in dieser Zeit nachverfolgen."
So hätte es weitergehen können. Hätte es weitergehen müssen. Doch dann traf das Schicksal die Familie gleich mehrfach hart. Gemeinsam durchlebte die Familie eine schwere Zeit. Gerade, als es wieder Licht am Ende des Tunnels zu geben schien, passierte das Unfassbare. Die junge Mutter starb völlig unerwartet und aus völliger Gesundheit heraus. "Sie war so ein gutes Mädchen", erinnert sich Herrmann. "Ich bin froh, sagen zu können, dass sie überall beliebt war und dass ich noch heute häufig auf sie angesprochen werde." Herrmanns Enkel war zu diesem Zeitpunkt vier Jahre alt. Von heute auf Morgen war der Kleine zum Halbwaisen geworden.
Es soll an dieser Stelle nicht geschildert werden, wie es eine Weile später zu einem Zerwürfnis zwischen den Parteien kam. Denn es geht nicht darum, wer recht hat, wie es gewesen ist und wer wem welche Ungerechtigkeit angetan hat. Es geht nicht um die Missverständnisse oder Anschuldigungen der Vergangenheit. Es geht um einen kleinen Jungen, um einen jungen Wittwer und Großeltern, die ihre Familie lieben. Um Menschen, die sichalle danach sehnen, dass "alles gut" ist. Und um die vielen großen und kleinen Menschen, die ein ähnliches Schicksal tragen. Nur so viel sei gesagt: Mit dem Enkel hatte der Streit nichts zu tun.
Der Schwiegersohn brach den Kontakt abrupt mit Familie Herrmann ab. Das führte dazu, dass auch die Besuche des Enkels bei den Großeltern ganz plötzlich eingestellt wurden. Eine Weile winkte der Enkel noch fröhlich oder lief zu ihrem Auto, wenn er die Herrmanns auf der Straße sah. Dann, mit fortschreitender Zeit, setzte eine Entfremdung ein. "Wir haben um den Kontakt mit dem Jungen gekämpft", berichtet der Großvater. "Wir haben das Gespräch mit dem Vater gesucht, waren beim Jugendamt, waren bei der Diakonie, beim Landrat, beim Justizminister, hatten Kontakt mit dem Familienministerium, wir waren beim Bürgerbeauftragten, beim Arbeitgeber des Schwiegersohnes - wir haben auf Vermittlung gehofft, aber wir sind kein Stück weiter gekommen. Oft haben uns die Gesprächspartner Verständnis signalisiert. Der Arbeitgeber meines Schwiegersohnes hat sogar selbst zahlreiche Enkelkinder. "Es wäre schlimm, wenn ich sie nicht mehr sehen dürfte", hat er gesagt. Aber helfen konnte oder wollte niemand. "Die zuständigen Stellen haben alle mehr oder weniger aus der Ferne geurteilt", berichtet Herrmann. Auch vor Gericht wurde den Großeltern nicht geholfen. "Es hieß, dass der Enkel uns jederzeit besuchen könne, wenn er das wolle", sagt der Großvater und schüttelt den Kopf. "So ein Kind stellt sich doch nicht gegen den eigenen Vater. Wenn der nicht möchte, dass das Kind zu uns kommt, dann wird es doch nicht darauf bestehen. Er ist doch noch so klein und hat doch nur noch den Vater." Einige hässliche Episoden haben die Großeltern erlebt. Es wurden vor Gericht Aussagen gemacht, die den unbescholtenen Großvater in einem zweifelhaften Licht erscheinen ließen. "So etwas geht schon sehr an die Nerven", sagt Herrmann und knetet die Hände. Die gemeinsamen Fotos der Großeltern mit dem Enkel, die er extra für die Richter mitgebracht hatte, die beweisen sollten, wie eng der von der Gegenseite bestrittene Kontakt war, fanden laut Herrmann keinerlei Beachtung. "Der Richter hat gar nicht darauf geschaut, als ich sie ihm zeigen wollte." Herrmanns liefen gegen die sprichwörtliche Wand. Fühlten sich hilflos und unverstanden. Viele der Beteiligten machten auf die Großeltern und ihre engagierte Rechtsanwältin nicht den Eindruck, als würden sie sich wirklich für das Wohl des Kindes interessieren. "Niemand ist den Wünschen des Kindes einmal ehrlich auf den Grund gegangen", so Herrmann. Viele der Fragen seien für das Kind vermutlich schwer verständlich gewesen, oft habe man es in einen direkten Loyalitätskonflikt gebracht. Das tat den Großeltern in der Seele weh. "So etwas sollte ein Kind nicht erleben müssen."
Sie klammerten sich an jeden Strohhalm und gingen jeden juristisch denkbaren Weg, um den Enkel sehen zu dürfen. "Unsere Rechtsanwältin hat immer gesagt, dass es schlimmer nicht mehr werden kann. Also haben wir alles versucht", erinnert sich der Großvater.
Was die Herrmanns dazu brachte, trotz aller Widrigkeiten nicht aufzugeben, ist die Hoffnung. "Wer weiß, vielleicht werde ich mich eines Tages doch einmal über diese Sache mit meinem Enkel unterhalten können. Wenn er dann fragt, ob wir etwas unternommen haben, um ihn sehen zu dürfen, werde ich ihm zeigen können, dass wir nichts unversucht gelassen haben. Dass wir gekämpft haben. Dass wir unsere Liebe, unsere Zeit, unsere Energie und sehr viel Geld investiert haben, um gemeinsam mit seinem Vater und dessen Eltern für ihn da sein zu dürfen. Um ihm, der die Mutter verloren hat, eine möglichst komplette Familie zu geben. Um ihm von seiner Mutter erzählen zu können, die er so früh verloren hat. Um ihm die Dinge über sie erzählen zu können, die nur die Großeltern berichten können."
Derzeit scheint eine Lösung allerdings in weiter Ferne. Herrmann berichtet, dass das Kind auf Umwegen zur Schule gebracht wird, um das Haus der nachbarlichen Großeltern zu meiden.
Den Großeltern bleibt derweil nur die Erinnerung. Drei Jahre sind seit der unbeschwerten Zeit vergangen. Aus dem Kleinkind ist mittlerweile ein Schulkind geworden. "Meine Frau und ich sind in dieser Zeit bestimmt um zehn Jahre gealtert", sagt Herrmann.
Es hilft ihm, sich mit anderen Menschen auszutauschen, die das gleiche Schicksal haben. Und mit seiner Erfahrung kann er mittlerweile auch anderen Betroffenen weiterhelfen. "Ich könnte Ihnen in einem Umkreis von nur wenigen Kilometern rund zehn Großeltern nennen, die das gleiche Schicksal teilen, wie meine Frau und ich", sagt er. Und berichtet, dass es in Kaiserslautern eine Gruppe von Leidensgenossen gibt, die sich treffen und gegenseitig unterstützen.
Als er sich zum Gehen aufmacht, möchte er eines nicht unerwähnt lassen. Er hat noch einen anderen Enkel. Einen lieben Jungen, der ebenfalls in direkter Nachbarschaft mit den Großeltern lebt. Über all der Sorge und dem Aufruhr soll auch er nicht vergessen sein. Die Großeltern sind froh, ihn auf seinem Lebensweg begleiten zu dürfen und er macht den beiden viel Freude.
Auf die Frage, was er sich für die Zukunft wünscht, sagt Herrmann: "Ich würde mir wünschen, dass es eines Tages an der Tür klingelt und unser jüngster Enkel davor steht. Wir würden gar nichts fragen, würden Vergangenes vergangen sein lassen. Wir würden ihn einfach wieder in unsere Arme schließen. Er könnte zu uns kommen und würde alles so vorfinden, wie er es verlassen hat. Als sei nichts gewesen."

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