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Der Kampf um die Enkel  [Miriam Dieckvoß, Herbst 2014]
Margrit Thomas von der Selbsthilfegruppe "Verstoßene Großeltern" in Hamburg über die Problematik des Umgangsrechts für Großeltern

50+Lautern: Wann wurde die Selbsthilfegruppe "Verstoßene Großeltern" gegründet und weshalb?
Magrit Thomas: Unsere Selbsthilfegruppe hier in Hamburg wurde vor rund fünf Jahren gegründet. Sie geht jetzt ins sechste Jahr. Ich habe die Gruppe gegründet, weil ich plötzlich vor dem Problem stand, meine Enkel nicht mehr sehen zu dürfen. Das heißt: Aus juristischer Sicht, darf ich sie sehen, aber diesen Entscheid kann ich mir an die Wand nageln.
Der Weg der Gruppengründung war nicht ganz leicht. Ich musste verschiedene Stellen ansprechen, bis ich bei KISS Unterstützung fand. KISS sind die Kontakt- und Informationsstellen für Selbsthilfegruppen des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Hamburg. Dort hat man mich beraten und mir auch praktisch geholfen, indem Annoncen in verschiedenen Zeitungen geschaltet wurden. Und es haben sich dann auch direkt unheimlich viele Menschen gemeldet, die das gleiche Problem hatten. Es hat keine fünf Wochen gedauert, bis das erste Treffen anstand.
Seither haben viele Menschen an unseren Treffen teilgenommen. Manche kommen nur gelegentlich oder vorübergehend und schütten Ihr Herz aus. Es hat sich aber auch ein harter Kern Engagierter herausgebildet, die seit Jahren aktiv mitarbeiten. Über die Webseite www.verstossene-grosseltern.de informieren sich bundesweit Betroffene. Ich werde in absehbarer Zeit aus Hamburg wegziehen und in meine Geburtsstadt zurückgehen, die Seite werde ich aber weiter weiterbetreiben und so verstoßenen Großeltern auch weiterhin Informationen zur Selbsthilfe an die Hand geben.

50+Lautern: Konnten Sie in den fünf Jahren, in denen Sie aktiv sind, in Ihrem persönlichen Fall Verbesserungen feststellen?
Thomas: Wie gesagt: Von heute auf morgen ist der Kontakt zu meinen Enkeln abgebrochen. Sie wohnen ganz in der Nähe. aber wollen mich nicht mehr sehen. Ich schreibe ihnen immer wieder - ich schreibe Weihnachtskarten und am Geburtstag -und sie melden sich nicht. Es kam einmal eine Antwort.

50+Lautern: Wie kam es zu dem Kontaktabbruch?
Thomas: Die Kinder sind von meiner Tochter, aber sie leben beim Vater. Wir hatten einen sehr engen Kontakt. Die Kinder wohnten sogar im Haus. Wenn mir jemand ein Jahr zuvor gesagt hätte, dass ich meine Enkel nicht mehr wiedersehen werde, ich hätte ihn für verrückt erklärt.
Ich gehöre zu den wenigen Großeltern, die wirklich an die Öffentlichkeit gehen. Viele Leute - gerade im norddeutschen Raum - schämen sich, wenn sie in eine solche Lage kommen. Weil sie das Gefühl haben, eine Schuld zu tragen. Es ist fast wie ein Sport, den die Jungen Leute betreiben. Eine Waffe, mit denen sie die Großeltern verletzen können. Aber auch diese Eltern werden vielleicht einmal Großeltern. Ich arbeite in einem Altenheim und sehe oft, dass alte Leute nicht sterben können, weil die Kinder sie nicht verabschieden. Da steckt so viel Leid dahinter.

50+Lautern: Auch für das Kind. Die Großeltern verloren, entfremdet, ein Loyalitätskonflikt...
Thomas: Ganz genau. Ein Kind wird sich immer auf die Seite dessen stellen, bei dem es lebt. Das musste ich im Laufe der Zeit lernen. Es gibt ja auch viele Eltern, die ihre Kinder nicht sehen dürfen. Und solange, wie Gesetze nicht so angewendet werden, wie sie müssten, wird sich da nichts ändern.
Es gibt sicher auch Großeltern, die daran schuld sind, dass sie die Kinder nicht sehen dürfen. Die vielleicht auch eine Gefahr für das Kind darstellen. Das gibt es, und das sollte man nicht unter den Teppich kehren. Ganz wichtig ist es, dass Großeltern sich mit den Kindern absprechen und deren Wünsche bezüglich der Erziehung berücksichtigen! Das ist aber bei den meisten Großeltern der Fall. Wenn es heißt, dass das Kind bereits um 19 Uhr im Bett sein muss, dann kann ich es nicht bis 21 Uhr aufbleiben lassen. Wenn erst einmal ein Bruch drin ist, wird immer wieder ein kleiner Anlass. Es kommt immer mehr dazu, und dann droht der Enkelentzug.

50+Lautern: Manfred Herrmann berichtet gegenüber dem Magazin 50+Lautern von einer Entfremdung zwischen dem Kind und den Großeltern. Wenn man bedenkt, dass drei Jahre für ein sechsjähriges Kind ein halbes Leben bedeuten, ist das nachvollziehbar und zeigt die Dringlichkeit, schnell tätig zu werden. Ist das auch Ihre Meinung?
Thomas: Natürlich! Man spricht heute von dem PAS-Syndrom, dem elterlichen Entfremdungssyndrom. Hier in Deutschland ist es noch nicht als Krankheit anerkannt. Die Entfremdung eines Kindes gegenüber nahen Bezugspersonen passiert leider bei kleinen Kindern ganz schnell. Doch der Rechtsweg dauert manchmal lange. Zum Glück müssen die Gerichte heute etwas schneller als früher sein, wenn es um Kinder geht. Bei mir dauerte die Gerichtsverhandlung ein halbes Jahr. Es ist einfach so, dass die Kinder die Leidtragenden sind.

50+Lautern: Wie schnell kann man Hilfe von anderen Organisationen erwarten?
Thomas:Ach - das ist keine leichte Frage. Ich selbst und auch verschiedene andere Personen in der Gruppe, haben ganz schlechte Erfahrungen mit dem Jugendamt gemacht. Wenn ich aus meiner Erfahrung heraus antworten soll, müsste ich sagen, dass ich niemandem raten würde, sich an die Jugendämter zu wenden. Das Jugendamt wird sich immer auf die Seite der Eltern schlagen, so habe ich das mehrfach erlebt. Es wird immer vom "Wohl des Kindes" gesprochen, doch das spielt meiner Meinung nach überhaupt keine wirkliche Rolle. Ich hatte nie das Gefühl, dass jemand ernsthaft danach fragt.

50+Lautern: Wie kann eine Selbsthilfegruppe Betroffenen helfen?
Thomas: In einer Selbsthilfegruppe weiß jeder, wovon er spricht. Aus einer Selbsthilfegruppe wird nichts nach außen getragen. Deshalb kommen die Leute in eine Selbsthilfegruppe.

50+Lautern: Wann sollte man tätig werden?
Thomas: Wenn man bemerkt, dass es Brüche mit den Kindseltern gibt, sollte man unbedingt das Gespräch mit ihnen suchen. Und zwar wirklich mit den Eltern der Enkel, nicht mit den Enkelkindern selbst. Es gibt den § 1685 BGB, auf den man sich berufen kann, wenn im Guten nichts mehr geht. Hier kann man versuchen, sich das Umgangsrecht über das Gericht einzuklagen. Das sollte man dann machen, wenn man einen wirklich engen Kontakt zu den Enkelkindern hatte. Wer keinen Kontakt zu den Enkelkindern hatte, hat keine Chance.
Wenn man den Gang vor Gericht in Erwägung zieht, dann sollte man das sofort tun und nicht lange warten. Je länger man wartet, desto mehr entfernt sich das Kind. Gering stehen die Chancen oft auch, wenn es sich noch um ein sehr junges Kind handelt. Da muss man dann Glück haben, aber man sollte es natürlich versuchen.

50+Lautern: Man kann sich vorstellen, dass es vielen Großeltern schwerfällt, gegen die eigenen Kinder vor Gericht zu ziehen.
Thomas: Das stimmt! Absolut! Natürlich ist die Hemmschwelle hoch, gegen die eigenen Kinder vor Gericht zu gehen. Aber irgendwann wird ein Kind erwachsen und denkt darüber nach. Und dann soll das Kind wissen, dass man alles getan hat. Dass man gekämpft hat.

50+Lautern: Was sollten Großeltern tun, um die eigenen Chancen zu vergrößern oder um zumindest ihr Handeln zu dokumentieren.
Thomas: Ich führe Tagebuch und schreibe alles ganz genau auf. Man sollte sich Kopien von Karten und Briefen machen, die man schickt, und auch alles, was man an Geschenkpost verschickt, dokumentieren. Das wird sicher abgestritten. Post wird den Enkeln oft vorenthalten. Ich habe eines Tages von meiner Enkelin einen Brief bekommen und habe ihr natürlich sofort geantwortet. Aus sicherer Quelle weiß ich, dass meine Enkeltochter diesen Brief nicht bekommen hat. Er wurde abgefangen und zurückgehalten.
Tagebuch führen ist immer gut, auch für die Seele. Ich schreibe viele Briefe, die ich nie abschicke. Für mich schreibe ich sie, um mich von dem Thema zu lösen.

50+Lautern: Was sollte man nicht tun?
Thomas: Man sollte sich auf keinen Fall in die Erziehung der Eltern einmischen. Es ist ein großes Problem, wenn sich Großeltern in die Erziehung der Kinder einmischen wollen - das ist ein Tabu. Wenn die Eltern etwas anordnen, dann muss man das beherzigen. Es ist ja auch kein Problem. Wir Großeltern sind mehr zum Verwöhnen da, das ist schon richtig, aber die Regeln der Eltern müssen eingehalten werden. Wenn die Eltern darauf bestehen, dass die Kinder um 19 Uhr ins Bett gebracht werden und ich bringe das Kind erst um 21 Uhr ins Bett, dann darf ich mich nicht wundern, wenn ich mir den Unmut der Eltern zuziehe. Ich hatte einmal eine Anruferin. die dem Enkelkind unerlaubterweise eine Tasse Kakao gekocht hat. Das Kind hat das daheim erzählt und jetzt darf sie das Kind nicht mehr sehen. Wenn man Regeln nicht nachvollziehen kann, sollte man mit den Eltern darüber reden, und sie nicht einfach ignorieren.

50+Lautern: Wie häufig hören Sie von Happy Ends?
Thomas: Ich höre gelegentlich von guten Ausgängen. Das Happy End kommt meist durch Trennung der Eltern - dann dürfen Oma und Opa die Kinder wieder sehen. Dann, wenn die Mutter mehr Zeit für sich braucht. Manchmal ist es eine Krankheit. Happy Ends treten meist dann ein, wenn die Großeltern von den Eltern gebraucht werden. Es ist ganz selten, dass es ohne Not zu einer Lösung kommt.
Das heißt, oft kommt die Wende, wenn die Kinder erwachsen sind. Dann suchen sie ihre Wurzeln und kommen von selbst. Aber die Zeit kann man nicht nachholen. Meine Enkel haben eine Woche vor dem Bruch noch gefragt, ob sie bei mir übernachten dürfen... Eine Woche später kam ein Brief, in dem sie den Kontakt abbrachen. Es gab dann den Versuch eines begleiteten Umgangs, der in der Dunkelheit im Freien stattfand. Die Umgebung war schon ungemütlich. Der Schwiegersohn brüllte. Die Begleiterin hat nicht eingegriffen. Ich habe das nicht verkraftet.
Mittlerweile weiß ich von 130 oder 140 Betroffenen aus dem Kreis Hamburg. An die Öffentlichkeit will aber fast niemand gehen. Ich war schon ein paarmal an der Öffentlichkeit gewesen, unter anderem war ich auch im Fernsehen. Bei mir kann es nicht mehr schlimmer werden. Aber ich brauche auch Abstand. Einfach aus Selbstschutz. Ich habe dreimal recht bekommen, aber das hilft ja nichts. Ich finde es schlimm, dass sich kein Richter mehr soweit dafür interessiert, dass er persönlich zu den Kindern nach Hause geht. Heute macht das das Jugendamt - das sind oft junge Leute, die, wie ich meine, von Kindern wenig Ahnung haben und sicher auch überlastet sind. Ich denke, da fehlen die Ahnung und die Erfahrung.
Es ist dringend nötig, dass sich die Politik um diese Problematik kümmert. Es wäre gut, wenn ein Politiker einmal ein solches Erlebnis hätte - auch wenn man das natürlich niemand wünscht - damit unsere Schwierigkeiten über die Politik an die Öffentlichkeit gebracht wird.
Die Medien haben sich in den letzten Jahren der Problematik zunehmend angenommen, aber leider schauen sich unsere Kinder solche Berichte eher selten an.

50+Lautern: Welche Folgen hat es, wenn die Eltern den Großeltern die Enkel entziehen - beziehungsweise den Kindern die Großeltern vorenthalten?
Thomas: Es ist meist so, dass die Großeltern ziemlich am Boden sind, wenn so etwas passiert. Das nimmt einen psychisch entsetzlich mit. Aber es ist auch ein Missbrauch der Kinder. Wenn sie erwachsen werden, kann es passieren, dass sie keine normalen Bindungen eingehen möchten, weil sie Angst davor bekommen. Solche Erlebnisse fressen sich in ein Kind ein. Dazu kommt, dass ein Kind über die Großeltern ja doch in besonderer Weise seine Wurzeln vermittelt bekommt. Das sollten sich die Eltern mal überlegen. Ich würde mir wünschen, dass sich mehr das Cochemer Modell durchsetzen würde, bei dem die Eltern dazu verpflichtet werden, sich weiter beide um die Kinder zu kümmern. Dann verlieren Kinder auch die Großeltern nicht. Man hat damit bereits gute Erfahrungen gemacht. Lösungen wären also denkbar, wenn sich die Politik mehr engagieren würde.

50+Lautern: Frau Thomas, wir danken für das Gespräch!

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