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Ich darf meine Enkel nicht mehr sehen  [Hamburger Abendblatt, von Mensch zu Mensch, 24.06.2006]

Es ist seelische Grausamkeit, wenn Großeltern aus dem Familienleben ausgeschlossen werden. Kinder dürfen nie zu Objekten des eigenen Machtanspruchs und wie Gegenstände behandelt werden.

Vor einem Jahr starb mein Sohn. Er hinterließ eine Frau und zwei Kinder (4 und 8 Jahre alt). Ich kümmerte mich liebevoll um alle drei, betreute die Kinder tageweise und versuchte, ihnen den Verlust ihres Vaters leichter zu machen. Sie hingen so sehr an ihm. Meine Schwiegertochter und ich hatten ein sehr gutes Verhältnis. Sie freute sich sehr, wenn ich ihr die Kinder abnahm. Von jeher hatte ich die Kinder gehütet, wenn die Eltern etwas vorhatten.

Fünf Monate nach dem Tod meines Sohnes lernte meine Schwiegertochter einen Mann kennen. Er machte einen unsicheren, aber sympathischen Eindruck auf mich. Weil mit dem Tod meines Sohnes sehr viel Leid verbunden war, freute ich mich um so mehr für meine Schwiegertochter. Der Mann hatte auch eine schwere Lebensphase hinter sich, so daß sie sich in ihrem Leid gegenseitig trösteten.

Ein halbes Jahr später zog sie mit den Kindern bei ihm ein. Unmittelbar danach machte er mir klar: "Das Problem ist, daß die Kinder sich bei dir zu wohl fühlen. Ich kann es nicht ertragen, wenn sie ständig fragen, wie viele Nächte sie noch schlafen müssen, bis sie wieder zu Oma Anna dürfen."

Mit diesen Worten brach er jede Verbindung zu mir ab. Ich kann es nicht fassen, daß meine Schwiegertochter das zuläßt. Ihre Erklärung: "Er hat uns aufgenommen. . ."

Nun habe ich nicht nur meinen Sohn verloren, sondern darf auch seine Kinder nicht mehr sehen. Sie hängen sehr an mir und werden denken, daß ich mich einfach von ihnen zurückgezogen habe, nichts mehr von ihnen wissen will. Ich bin so verzweifelt. Bitte raten Sie mir, welchen (rechtlichen) Weg es gibt, um wieder Verbindung zu den Kindern zu bekommen.

Anna S. (64)

Es antwortet Dipl.-Psych. Prof. Dr. Elisabeth Müller-Luckmann:

Hier gibt es deutlich noch unausgeschöpfte Möglichkeiten für eine Entschärfung des Problems. Ihre Diagnose, daß es sich um einen unsicheren Mann handelt, scheint viel für sich zu haben. Vielleicht hat er sich mit seinem großzügigen Angebot übernommen.

Auch Ihre Schwiegertochter dürfte naturgemäß Schwierigkeiten haben, einmal das Trauma ihres Partnerverlustes zu bewältigen und sich zum anderen mit einem neuen Partner zu arrangieren. Das ist eine Doppelbelastung, die sehr wohl eine Überforderung bedeuten kann. Es kann dabei folgerichtigerweise vorkommen, daß man sich auftretende Probleme überstürzt vom Halse schaffen will.

Ehe Sie an offizielle Schritte denken, sollten sie ein Gespräch suchen. Ansprechpartner ist natürlich zunächst Ihre Schwiegertochter.

Zeigen Sie Verständnis für ihre prekäre Situation und versuchen Sie, ihr vor allem vor Augen zu führen, daß man Kinder nicht wie Gegenstände behandeln darf, auf die man so etwas wie einen Besitzanspruch anmelden kann. Kinder dürfen nie zu Objekten des eigenen Machtanspruchs werden, eine Einstellung, die leider nur allzuweit verbreitet ist.

Unabhängig davon können Sie beim Jugendamt oder einem Familienanwalt Rat suchen. Immer mehr Großeltern eint leider das gleiche Schicksal, daß sie ihre Enkelkinder nicht mehr sehen dürfen. Ich würde aber zunächst alles versuchen, das Gespräch mit den erwachsenen Bezugspersonen in Gang zu bringen.