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Reinbek. Wenn der Himmel voller rosaroter Wolken hängt, kann sich kein Hochzeitspaar vorstellen, dass sein Glück vor einem Familienrichter enden könnte. Doch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Durchschnittlich 377 000 Paare gingen in den vergangenen Jahren in Deutschland jährlich den Bund der Ehe ein, mehr als die Hälfte, nämlich an die 193 000, ließen sich im gleichen Zeitraum scheiden.

Wenn Kinder im Spiel sind, wird ein Rosenkrieg oft besonders bitter geführt. Seit einem Jahr hat das Amtsgericht Reinbek jetzt die sogenannte "Reinbeker Praxis" eingeführt und damit das Wohl des Kindes im Trennungsfall in den Fokus gerückt. Der Nachwuchs soll nicht weiter darunter leiden müssen, dass Mutter und Vater sich nicht über Sorge- und Umgangsrecht einigen können.

Die Reinbeker Praxis lehnt sich an das sogenannte "Cochemer Modell" an, das im dortigen Amtsgericht bereits seit 1992 erfolgreich praktiziert wird.
"Grundgedanke ist es, die Eigenverantwortung der Eltern zu stärken. Sie selbst sollen zu einer Lösung in Fragen des Sorge- und Umgangsrechts kommen", erklärt Heike Meistering, Richterin am Amtsgericht. Ihre Erfahrungen: Lösungen, die vom Gericht angeordnet werden, haben oft keinen dauerhaften Bestand. Für Kinder, die die Trennung und Scheidung ihrer Eltern erleben müssen, sei es oft ein positives Signal, wenn sich die getrennt lebenden Eltern in ihrem Interesse einigen konnten, weiß Meistering.

Praktisch bedeutet dies, dass das Amtsgericht Reinbek von vornherein auf Deeskalation setzt. Die Anwälte werden angehalten, den Sachverhalt nur kurz und knapp zu schildern, eine gegenseitige "Antragsschlacht" zu vermeiden und den Anhörungstermin vor Gericht zur Klärung wahrzunehmen. Den Eltern wird empfohlen, sich vom Jugendamt beraten zu lassen. Gelingt dort keine Einigung, haben Mutter und Vater vor Gericht die Möglichkeit, ihre Position darzustellen. Sind dort die Fronten so verhärtet, dass sich im Gespräch keine Lösung abzeichnet, verpflichtet das Gericht die Eltern, eine Beratungsstelle aufzusuchen. Psychologen und Sozialpädagogen helfen dann, eine einvernehmliche Lösung zu finden. Bei wem soll das Kind leben? Welches Elternteil sieht es wann, wie oft und wie lange?

Die Auflage, eine Beratungsstelle aufzusuchen, ist jetzt auch im neuen Familienverfahrensrecht verankert. Weigern können sich die Eltern nicht. "Wenn wir allerdings den Eindruck haben, dass eine Lösung auf sich warten lässt und das Kind unter den Querelen leidet, können wir eine vorläufige Regelung treffen", erklärt Meistering.

In den Beratungsstellen stehen Psychologen und Sozialpädagogen bereit, um das Problem zu lösen. Nicht nur Heike Meistering, sondern auch Dietrich Blonski, Leiter der Erziehungs- und Familienberatungsstelle Südstormarn in Reinbek, zieht nach einem Jahr Reinbeker Praxis eine positive Bilanz. Besonders erfreulich findet er, dass sich beim neuen Reinbeker Modell alle Beteiligten - Jugendämter, Erziehungsberatungsstellen, Verfahrenspfleger und Richter - an einen Tisch gesetzt haben. Elf Paare haben er und seine Kollegen im vergangenen Jahr in der Beratungsstelle begleitet, nicht alle waren von Anfang an begeistert von der "Zwangsberatung".

"Wir müssen den Eltern klar machen, dass dies eine große Chance für sie ist. Wenn ein Dritter über das eigene Kind entscheidet, ist das doch eine Bankrotterklärung", betont Blonski.